Prof. Dr. Bjoern Andrew Remppis in der AZ-Sprechstunde / „Herzschwäche – ein rasant zunehmendes Krankheitsbild“

Frauenherzen schlagen anders

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„Ein gebrochenes Herz verursacht einen infarktähnlichen Zustand“: Prof. Dr. Remppis macht die massiven Auswirkungen der Herzschwäche auf den Gesamtorganismus deutlich.

Uelzen. Fast zwei Stunden nahm sich Prof. Dr. Bjoern Andrew Remmpis am Mittwochabend für die AZ-Leser Zeit.

Detailliert ließ sich der Chefarzt der Klinik für Kardiologie am Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen in der AZ-Sprechstunde die Beschwerden, Sorgen, Fragen und Nöte zum Thema „Herzschwäche – ein rasant zunehmendes Krankheitsbild“ schildern. Kompetent und anschaulich gab der Herzspezialist allen Anruferinnen und Anrufern Hilfestellungen, Tipps und Hinweise. Die am häufigsten gestellten Fragen und deren Antworten hat die AZ zusammengefasst:.

Wie erkenne ich, dass ich unter einer Herzschwäche leide? Gibt es erste Anzeichen? Es gibt drei klassische Symptome für eine Herzschwäche: Luftnot, Wassereinlagerungen und Ermüdbarkeit. Wenn alle drei Symptome gleichzeitig auftreten, befindet sich die Herzschwäche bereits in einem Spätstadium. Das Kaisersymptom und trotzdem leider das am unterschätzteste Symptom ist die Luftnot. Die Luftnot ist meist das früheste Signal, das auf eine Herzschwäche hinweist.

Was macht die Herzschwäche so gefährlich?

Die Herzschwäche ist eine sogenannte Systemerkrankung, die den gesamten Körper involviert. Das heißt: Eine Herzschwäche zieht immer Begleiterscheinungen im ganzen Körper nach sich. Der Körper eines schwer herzinsuffizienten Patienten ist aufgrund einer zentralnervösen Stressreaktion dauerhaft auf eine „Fluchtreaktion“ mit erhöhten Stresshormonen eingestellt. Dies schlägt sich in einer Mitschädigung vieler anderer Organsysteme nieder, wie sie sich in Begleiterkrankungen wie Nierenschwäche, Blutarmut, Diabetes, Depression, Schlafstörungen, Muskelschwäche und Osteoporose zeigt. Dieser komplexe Erkrankungshintergrund ist daher auch die Ursache, warum die Herzschwäche tödlicher ist als die meisten Krebserkrankungen.

Welche Diagnosemöglichkeiten gibt es für eine Herzschwäche?

Es gibt ein Gesamtpaket, das wir bei jedem Patienten individuell anwenden können. Dieses Paket besteht aus Laboruntersuchungen (beispielsweise Prüfung der Herzfunktion, Nierenfunktion und Zucker- und Fettstoffwechsel), EKG, Röntgenbild, Ultraschall, Belastungsuntersuchungen, Herzkatheter inklusive Herzmuskelbiopsien und Cardio-CT. Die sich hieraus ergebenden Ergebnisse werden dann zu einem Gesamtbild zusammengefügt, das es uns dann erlaubt, eine für jeden Patienten sehr individuelle Therapie zu schneidern.

Unterscheiden sich eigentlich Männer- und Frauenherzen?

In der Tat belegt die neuere Wissenschaft, dass sich zwischen den Geschlechtern deutliche Unterschiede in der Erkrankungsausprägung ergeben. Während Männer häufiger unter einem schwach schlagenden Herzen leiden, zeigen Frauen häufig Symptome einer Herzschwäche, obwohl ihre Herzen noch muskelstark sind. In diesen Fällen kann sich das steifere Herz deutlich schlechter mit Blut füllen und es kommt bei Belastung unter anderem zu einem Rückstau des Blutes in die Lunge mit Atemnot und Lungenhochdruck. Ursachen sind hier häufig Bluthochdruck und Diabetes. Leider ist die Prognose ähnlich schlecht wie bei den Männern, sodass auch in diesen Fällen eine konsequente Diagnostik erfolgen sollte.

Ist eine Herzschwäche angeboren oder kann sie sich im Laufe eines Lebens entwickeln?

Beides ist möglich. Es gibt verschiedene Formen. Eine Herzschwäche kann genetisch bedingt sein oder durch einen angeborenen Herzfehler ausgelöst werden. Eine Herzschwäche kann aber auch im Laufe des Lebens erworben werden. Beispielsweise durch einen Infarkt oder durch eine verschleppte Viruserkrankung mit anschließender Herzmuskelentzündung. Auch eine Chemotherapie kann eine Herzschwäche auslösen, genauso wie bei älteren Patienten eine Herzklappenverkalkung. Gerade für Sportler ist es wichtig, einen grippalen Infekt oder eine Viruserkrankung nicht zu verschleppen und eine Sportpause einzulegen.

Ist die Herzschwäche ein Todesurteil?

Das kommt auf das Stadium an, in dem sich die Herzschwäche befindet. Insgesamt unterscheiden wir vier Stadien der Herzschwäche. In Stadium 4 beträgt die Sterblichkeit 80 Prozent pro Jahr. Aber natürlich versuchen wir, die Krankheit so früh wie möglich zu identifizieren und die Prognose durch eine individualisierte Therapie zu verbessern.

Können Stress und psychische Probleme Ursachen einer Herzschwäche sein?

Erhöhter Blutdruck und Stress beispielsweise auch durch Mobbing können Auslöser für Herz-Kreislauferkrankungen sein. Der Verlust von nahen Angehörigen kann in Depressionen und Vereinsamung münden, auch dies kann die Prognose einer Herzschwäche massiv verschlechtern. Deshalb sind Sozialkontakte und ein gutes Netzwerk stabilisierende Faktoren. Ein umgangssprachlich „gebrochenes Herz“ kann tatsächlich einen Infarkt ähnlichen Zustand verursachen, der allerdings eine recht gute Prognose auf Abheilung hat.

Hilft Sport gegen Herzschwäche? Oder gibt es ein spezielles Training, um die Herzschwäche zu bekämpfen? Oder helfen nur Medikamente?

Sport hilft in kombinierter Form, sobald der Patient in einer stabilen klinischen Verfassung ist. Konkret: Kraft- und Ausdauersport sind gut für das Herz-Kreislaufsystem. Fahrradfahren und dosiertes Krafttraining im Fitnessstudio sind beispielsweise eine gute Kombination. Wichtig ist aber, vorher die genaue Ursache der Herzschwäche zu kennen und die Dosierung der Belastungen vom Facharzt zuvor definieren zu lassen.

Wie sehen Therapiemöglichkeiten bei einer Herzschwäche aus?

Uns als Kardiologen steht ein ganzer Baukasten mit Therapieansätzen zur Verfügung. Neben dem Einsatz von Medikamenten und Sport sind dies die elektrische Therapie (verschiedene Schrittmachersysteme), gesunde Ernährung, Korrektur von Schlafstörungen sowie die Behandlung von Diabetes, Nierenerkrankungen und Depressionen. Mit unserem hochdifferenzierten Therapiemanagement können wir jeden Patienten ganz individuell behandeln. Denn: Einfach eine Tablette gegen Luftnot gibt es nicht. Ergänzt wird dieses Therapieregime durch den Ausgleich von Mangelerscheinungen wie sie vor allem der Eisenmangel, Vitamin-D Mangel und der Mangel verschiedener Aminosäuren darstellt.

Darf ich mit einer Herzschwäche in die Sauna? Schwer herzinsuffiziente Patienten sollten nicht in die Sauna gehen, da die Kreislaufbelastung für sie zu groß wäre. Ist aber ein Patient mit leichter oder mäßiger Herzschwäche gut therapeutisch eingestellt, so kann eine milde Dosierung beim Saunagang sehr wohl gute Effekte für den Kreislauf und die Immunabwehr mit sich bringen. Dies sollte aber im Vorfeld mit dem jeweils behandelnden Arzt geklärt werden.

Kann ich mit einer Herzschwäche noch Autofahren? Ja, das ist im Prinzip möglich, aber im entscheidenden Maße davon abhängig, ob ein Patient mit Herzschwäche höhergradige Rhythmusstörungen aufweist. So unterliegen Patienten mit implantierten Defibrillatoren klaren gesetzlichen Vorschriften, die der Patient zu beachten hat. Daher sollte jeder Patient mit schwerer Herzinsuffizienz die Fahrtüchtigkeit durch seinen behandelnden Facharzt klären lassen.

Wann hilft ein Herzschrittmacher bei Herzschwäche? Zum einen können Herzschrittmacher die Leistung steigern, wenn das Herz zu langsam schlägt und der Patient daher keinen ausreichenden Kreislauf hat. Andererseits haben wir heute verschiedene spezielle Herzschrittmachersysteme in der Anwendung, die die Pumpkraft von Herzen steigern können. Welcher Patient von welchem Schrittmachersystem profitiert, müssen jeweils die detaillierten und individuellen Untersuchungen zeigen.

Wann ist bei einer Herzschwäche an eine Herzverpflanzung zu denken?

Für die Transplantation von Herzen existieren klare Vorgaben der Fachgesellschaften, die zu kompliziert sind, um sie in diesem Rahmen darzulegen. Aber kurz gesagt spielen das Alter, die Schwere der Herzerkrankung, sowie die Schwere der Begleiterkrankungen eine erhebliche Rolle. Je jünger ein Patient ist und je schwerer seine Herzerkrankung ist, desto eher wird man an eine Herztransplantation denken. Da wir aber einen erheblichen Mangel an Organen haben, stehen zunehmend das Kunstherz wie auch die an unserem Hause angebotene Bauchfelldialyse zur Behandlung der schweren Herzinsuffizienz als Alternative zur Verfügung.

Von Andreas Becker

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