Helfer warten in Uelzen vier Stunden

Plan der Länder erweist sich als Makulatur: Flüchtlinge gehen ihren Weg

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Anstatt zu den Bussen zu gehen, bleiben viele in den Nähe der Gleise. Die meisten Flüchtlinge, die gestern nach fast zwölfstündiger Fahrt Uelzen erreichten, wollten weiter.

Uelzen. Es ist ein mühsames Werben: „Steigt in den Bus nach Nostorf ein. Es liegt in der Nähe von Hamburg. “ Die Sätze, auf Englisch gestern Morgen nach Ankunft eines weiteren Flüchtlingszuges in Uelzen ausgerufen, tönen über den Bahnhofsvorplatz.

An den Ticketschaltern der Deutschen Bahn bildeten sich lange Schlangen.

„Hamburg“ ist das Stichwort, das Flüchtlinge aufhorchen lässt. Ein paar wenige steigen ein. Der Bus fährt eben nur in die Nähe von Hamburg – einer Stadt, die sich viele der Flüchtlinge als Ziel ausgeguckt haben, oder von der aus die Weiterfahrt nach Großbritannien, Dänemark oder Schweden leichter zu organisieren ist. Das sind die Wunschziele vieler, die mit dem Zug in einer fast zwölfstündigen Fahrt von Nickelsdorf an der österreichisch-ungarischen Grenze aus Uelzen erreichten. Der Plan der Länder Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, die angekommenen Flüchtlinge mit Hilfe von Bussen auf verschiedene Erstaufnahmezentren zu verteilen, erweist sich so lediglich als gut gemeinter Idee, um Massenankünfte in Metropolen zu vermeiden. In der Praxis ist sie aber nur Makulatur.

Während die Busfahrer auf dem Vorplatz auf ihre Fahrgäste warten, können sich die Mitarbeiter an den Fahrkartenschaltern der Deutschen Bahn vor Zulauf kaum noch retten. Lange Schlangen von Flüchtlingen haben sich gebildet. „Es ist in der Tat so, dass viele Menschen das organisierte Angebot nicht wahrnehmen“, stellt Matthias Rüger, Teamleiter Bevölkerungsschutz beim Landkreis, nüchtern fest.

Die Verteilung der Flüchtlinge ist nicht das Einzige, was gestern anders kommt als gedacht, und zeigt, wie chaotisch die Flüchtlingsaufnahme in Deutschland verläuft. Bis zum Schluss ist unklar, wie viele Menschen sich tatsächlich im Zug befinden. Übermittelt wurde vom niedersächsischen Innenministerium, dass es rund 530 Flüchtlinge sind. Bei einer Zählung von DRK-Helfern im Zug ist man auf 450 Personen gekommen. Letztlich sollen 400 Flüchtlinge in Uelzen ausgestiegen sein. Doch für die Betreuung vor Ort durch die Ehrenamtlichen ist die genaue Zahl der Flüchtlinge ganz entscheidend.

Die Helfer wurden auch bei der Ankunftszeit auf eine harte Probe gestellt. Für 7.30 Uhr war der Zug angekündigt, weshalb die ersten Helfer auch bereits gegen 7 Uhr am Bahnhof waren. Im Minutentakt wird jedoch eine neue Ankunftszeit übermittelt. Matthias Rüger erhält Angaben vom Innenministerium, das DRK von Helfern aus dem Zug und über den Bahnhofslautsprecher erfolgen Durchsagen. Schließlich erreicht der Zug Uelzen gegen 11.30 – vier Stunden später als geplant.

Und noch bevor die Dolmetscher im Zug Durchsagen machen können, um das Notwendigste zu erklären, werden die Türen entriegelt und die Flüchtlinge ziehen los. „Das war schlecht“, lautet Matthias Rügers Einschätzung dazu. Das werde für den nächsten Einsatz ausgewertet. Der ist bereits heute. Für zehn Uhr ist der vierte Flüchtlingszug mit 450 Menschen an Bord angekündigt – aber wie der gestrige Tag gezeigt hat, kann sich das auch ganz schnell ändern.

Von Norman Reuter

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