„Fernab jeder Realität“

Gleiche Chancen für Kinder: Gutscheine im Wert von zehn Euro sind für den Musikschulunterricht nicht genug, weiß Christoph Strieder, Leiter der Uelzener Musikschule.

Uelzen/Landkreis - Von Diane Baatani. 67 Euro pro Monat kostet halbstündiger Einzelunterricht an der Musikschule für Kreis und Stadt Uelzen. In den Plänen zur Neuregelung der Hartz-IV-Sätze schlägt das Bundesministerium für Arbeit Unterstützung von zehn Euro monatlich für Musikunterricht oder Sport für Kinder von Hartz-IV-Empfängern vor. So sollen sie die gleiche Chance bekommen wie Kinder aus anderen Familien. Bundestag und Bundesrat müssen noch darüber entscheiden.

„Das ist fernab jeder Realität. Wovon soll der Rest bezahlt werden?“, fragt sich Christoph Strieder, Leiter der Uelzener Musikschule. Selbst wenn die Familien kein eigenes Instrument kaufen, die Leihgebühr beträgt bereits 14 Euro monatlich. Und je nach Art des Instruments muss mit dem Wachstum des Kindes ein Ersatz herbei. „Wir haben natürlich immer wieder Anfragen von Eltern, die arbeitslos werden und nicht mehr zahlen können.“ Die Preise seien vorgegeben, aber in Einzelfällen würde die Musikschule sich bemühen, Sponsoren zu finden.

„Ich frage mich wirklich, ob bei den Familien der Bedarf da groß ist.“ Ralf Ritter von der Caritas-Stelle Uelzen/Lüchow-Dannenberg zweifelt an dieser Idee. Die Caritas habe sich für höhere Sätze zugunsten der Kinder von Hartz-IV-Empfängern stark gemacht. „Ich hätte mir schon gewünscht, dass die Regelsätze von Kindern auch erhöht werden und es für sie nicht wieder null zu null ausgeht.“ Musikunterricht sei auch für Kinder aus der Mittelschicht sehr teuer, da gibt es bei Hartz-IV-Empfängern ganz andere Probleme, erfährt er in seinen Gesprächen bei der Caritas. Bei vielen passe diese Freizeitgestaltung nicht in den Alltag.

Und den monatlichen Beitrag im Sportverein zwischen 5 und 8 Euro „kann sich so gut wie jeder leisten“, weiß der vierfache Vater, zumal manche Trainer „wie Sozialarbeiter“ agieren würden. Ähnlich argumentiert Hedda Teske. „Ursprünglich war ich sehr angetan von dieser Idee mit Chipkarten oder Gutscheinen“, meint die Leiterin des Kindertreffs am Stern. „Aber ich weiß gar nicht, ob die Kinder so sehr daran interessiert sind.“ Höchstens für den Sportunterricht könnten die Chipkarten erfolgreich sein. Aus ihrer Gruppe weiß sie, dass manche Eltern aus Hartz-IV-Verhältnissen es schaffen, die Mitgliedschaft im Turnverein zu bezahlen. Für notwendig hält sie die Unterstützung der Kinder aus sozial schwachen Familien bei der Nachhilfe. „Aber von 100 Euro im Jahr kann man auch keine Nachhilfe bezahlen“, kritisiert sie. Dabei sei gerade die Förderung von Kindern im Schulalltag wichtig, stimmt Ralf Ritter mit ihr überein. „Gerade die Schulbedarfe sind ganz erheblich“, weiß der Geschäftsführer, durch Schulausflüge komme eine hohe Summe zusammen.

Chipkarten fürs Schulmittagessen scheinen in Uelzen nicht von großem Nutzen zu sein. Am Lessing-Gymnasium hat die stellvertretende Schulleiterin Karin Malangré die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern die Förderung des Elternrings für Klassenfahrten oder Taschenrechner nutzen. „Das ist in den vergangenen Jahren sehr viel stärker in Anspruch genommen worden“, sagt sie. Für einen Zuschuss zum Mittagessen haben sich 2009/2010 trotz Information keine Kinder angemeldet.

Die Höhe der Beträge ist in diesem Fall für Günther Lierheimer, Schuldnerberater beim Diakonischen Werk in Uelzen, noch nebensächlich. „Entscheidend ist, dass das Ministerium die Berechnung nicht offen legt. Wenn die Regierung nichts zu verbergen hat, könnte sie sie öffentlich machen“, erklärt er.

Kommentare