Gemeinsame Nacht in der Zelle – Justizministerium reagiert auf Panne in Bandenprozess

Die Farce in Saal 21

Streng bewacht auf dem Weg ins Amtsgericht: Die beiden Angeklagten Ismail N. und Robert K. sitzen seit Herbst vergangenen Jahres in Untersuchungshaft – ihnen wird versuchter Totschlag vorgeworfen. Foto: Ph. Schulze

Uelzen. Schwarzer Trainingsanzug, ein aufmunterndes Nicken zu den beiden Angeklagten, die rund 50 Freunde und Verwandten im Zuschauerraum grüßt Zeuge Mostafa Z. trotz Handschellen mit einem hochgestreckten Daumen.

Der 18-Jährige steht gestern Nachmittag im Mittelpunkt der Verhandlung gegen zwei mutmaßliche Mitglieder der von Ermittlern so genannten Uelzener Douglas-Bande. Was Prozessbeobachter zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen: Die Aussage des jungen Untersuchungshäftlings wird am Ende kaum etwas wert sein – denn er durfte fatalerweise bei einem der Angeklagten, den er als seinen Freund bezeichnet, übernachten. Zeit genug also, die Aussage in aller Ruhe abzustimmen.

Wegen versuchten Totschlags sind Ismail N. und Robert K. angeklagt, sie sollen in der Nacht des 2. Juli in der Gudesstraße einen Kneipengänger brutal verprügelt haben. Die beiden waren in dieser Nacht nicht die einzigen mutmaßlichen Mitglieder der Jugendbande, die in umliegenden Kneipen unterwegs waren. Auch Mostafa Z. bekam die Schlägerei mit. Allerdings habe er nur gesehen, wie das vermeintliche Opfer den Angeklagten Robert K. und einen weiteren Freund verprügelt habe und nicht andersrum, betont der 18-Jährige.

Dann will er nicht mehr auf das Geschehen geachtet haben, bis der schwer verletzte Kneipengänger am Boden lag – er soll laut Anklage von einer Flasche niedergestreckt worden sein, die Ismail N. in der Hand hatte. Mostafa Z. selbst schüttelt nur den Kopf, „wenn einer von uns betroffen ist, dann sind alle von uns betroffen“, erklärt er später vielsagend.

Der 18-jährige sitzt mit zwei weiteren mutmaßlichen Bandenmitgliedern wegen des Verdachts der Schutzgelderpressung in Untersuchungshaft und wartet noch auf seinen Prozess.

Die gleiche Version liefert der nächste Zeuge in Saal 21 ab. Auch er habe gesehen, wie der Angeklagte Robert K. mit Faustschlägen niedergestreckt wurde. Ob die Angeklagten seine Freunde seien – nein, winkt er ab, um sich gleich darauf von Ismail N. mit Handschlag zu verabschieden. Erheiterung unter den Zuschauern, zufriedene Gesichter bei den Freunden.

Derweil reagierte das Niedersächsische Justizministerium gestern schnell auf die gemeinsame Zellennacht: Der Dienstleiter der Justizvollzugsanstalt und der Vorsitzende Richter würden umgehend eine Fehleranalyse vornehmen, erklärte Ministeriumssprecher Georg Wessling. Staatsanwaltschaft und Verteidigung kritisierten derweil die Zusammenlegung als wenig hilfreich.

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