Bewegung und Übungen helfen aber gegen den geistigen Abbau – Einblicke in einen Kurs

Farbiges in der Gedächtnis-Dämmerung: Demenz ist nicht heilbar

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Der Ballon darf nicht auf den Boden landen. Mit Fliegenklatschen soll er von den an Demenz Erkrankten in der Luft gehalten werden. Keine ganz leichte Aufgabe für die sieben Senioren. Aber sie haben Freude an der Übung.

nre Uelzen. Udo Jürgens bittet zum Sitztanz: Knorrige Hände greifen in zittrige. Die Sieben im Stuhlkreis schunkeln behutsam im Takt von „Aber bitte mit Sahne“. Die Körper der Senioren wiegen, so gut es geht, nach rechts und nach links. Ingrid* sticht in der Gruppe hervor.

Sie wirkt kräftig, jede ihrer Bewegungen scheint kontrolliert. Sie hat heute schon erzählt, wie sehr sie es liebt, mit ihren Kindern nach Warnemünde zu fahren, und hat dabei herzhaft gelacht. Wie zerbrechlich auch ihre Welt ist, zeigt sich ein wenig später, als sie gefragt wird, welcher Tag heute ist. Die Antwort fällt ihr schwer – Ingrid ist wie die anderen sechs an Demenz erkrankt.

Bis zu 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland dement, informiert das Bundesgesundheitsministerium. Die Dämmerung umfängt ihr Leben. Alltägliches wird zu schier unüberwindbaren Aufgaben, weil die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Erst vergessen sie, was eben war; schließlich verlieren sie auch ihre Erinnerungen. Demenz ist nicht heilbar. „Aber durch Bewegung und durch gezielte Übungen ist es möglich, den geistigen Zerfall abzubremsen“, sagt Christa Kasilofsky. Einmal die Woche arbeitet die Sporttherapeutin des TVU auf Initiative des Uelzener Seniorenservicebüros 90 Minuten mit Dementen, um ihre Beweglichkeit, die kognitiven Fähigkeiten und Alltagskompetenzen zu erhalten. Seniorenbegleiterin Tanja Bunge-Widdecke steht ihr dabei zur Seite.

Die beiden Frauen suchen sich für jede Woche ein aktuelles Thema. Teils verlieren sich die Erkrankten in der Vergangenheit. „Wir versuchen sie in das Heute zu holen“, so Kasilofsky. Diesmal haben die Kursbetreuerinnen „die Urlaubszeit“ als Thema gewählt. In der Mitte des gebildeten Stuhlkreises sind ein Badetuch, eine Strohmatte, Sonnencreme, Sommerblumen und eine Sonnenbrille drapiert. Gemeinsam versucht die Gruppe – vier Männer, drei Frauen –, die Begriffe für die Gegenstände zusammenzutragen. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Johann – eingefallene Wangen, verschränkte Arme – schaut gedankenverloren zu Boden. Schweigt. Er sei doch Landwirt gewesen, meint Bunge-Widdecke. „Hatte man da überhaupt Zeit für den Urlaub?“, will sie von ihm wissen, um ihn in die Gruppe zu holen. „Ja, schon“, sagt Johann knapp.

Gedächtnistraining wechselt sich mit Übungen zur Motorik ab. Christa Kasilofsky verteilt Tennisbälle. Die Aufgabe: Ein Ball soll von der linken Hand in die rechte Hand wandern und wieder zurück; drei Durchgänge, bis der Ball, so die Idee, dem rechten Sitznachbar in die linke Hand gedrückt wird. Mehrere Anläufen folgen, bei denen kaum ein Ball dort landet, wo er hin soll. Walter bekommt gleich drei übergeben. Die Gruppenbetreuerinnen überspielen die Fehlschläge, indem sie sich im übertragenden Sinne die Bälle zuwerfen. „Da hast du dir aber eine schwierige Aufgabe ausgedacht“, sagt Tanja Bunge-Widdecke zu Christa Kasilofsky. Ein neuer Versuch: Die beiden Frauen wollen die Gruppe ein wenig fordern. „Angehörige berichteten, dass die Erkrankten an den Kurstagen aktiver sind, wach bleiben“, so Christa Kasilofsky gegenüber der AZ.

Eine nicht minder schwere Aufgabe als Gedächtnisübung: Es wird Stadt, Land, Fluss gespielt – dem Alphabet nach. Walter, der sich vor wenigen Minuten vor Tennisbällen nicht retten konnte, ist an der Reihe, soll eine Stadt mit F sagen: „Ostpreußen“ ist seine Antwort.

Tanja Bunge-Widdecke sagt: „Es ist wichtig, dass die Dementen auch Erfolgserlebnisse haben.“ Deshalb ist vor dem gemütlichen Ausklang bei einer Tasse Kaffee und einer süßen Waffel noch ein Sitztanz und ein wenig „Sport“. Mit quietschbunten Fliegenklatschen muss ein froschgrüner Ballon in der Luft gehalten werden, dazu singt Udo Jürgens. Jeder Schlag mit der Klatsche wird gezählt; 5, 12, 22, 25 Berührungen. „Wow“, entfährt es Christa Kasilofsky. Johann, der Stille, ist eifrig bei der Sache: Es ist ein farbenfroher Moment in seiner persönlichen Dämmerung.

*Namen der Gruppenmitglieder wurden geändert.

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