„Es war faktisch der Verteidigungsfall“

+
Dr. Peter Struck sitzt in der Redaktion der Allgmeinen Zeitung in seiner Heimatstadt Uelzen, zieht an seiner Pfeife, liest die Schlagzeile vom 12. September 2001: „Ein Schlag mitten ins Herz der USA.“

Uelzen. „Dieser Tag hat die Welt wirklich verändert, ohne Zweifel“. Dr. Peter Struck sitzt in der Redaktion der Allgmeinen Zeitung in seiner Heimatstadt Uelzen, zieht an seiner Pfeife, liest die Schlagzeile vom 12. September 2001: „Ein Schlag mitten ins Herz der USA.“

Genau zehn Jahre sind die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center her und Uelzens bekanntestem Bundespolitiker geht es wie wohl den meisten Deutschen – er weiß auch heute noch genau, wo er die Nachricht von dem Terrorakt erfuhr.

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion sitzt in seinem Berliner Büro und bereitet sich auf die Haushaltssitzung des Bundestages vor, er soll für die Sozialdemokraten eine Rede halten. Doch dazu wird es nicht kommen. „Mein Mitarbeiter kam herein und sagte, ich soll den Fernseher anmachen“, erinnert sich Struck. Das erste Flugzeug war bereits in das Hochhaus geflogen, „da dachten wir noch an einen Unglücksfall“. Doch wenig später explodiert der zweite Turm... Peter Struck ruft Bundeskanzler Gerhard Schröder an, „für uns war klar, wir brechen die Haushaltsdebatte ab“.

Während in Berlin die Menschen mit Kerzen zur US-Botschaft strömen, diskutiert der Uelzener mit dem Kanzler, welche Worte dieser bei seinem Fernsehauftritt wählen soll. Schröder entscheidet sich für die Formulierung der „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA, „das war unter uns durchaus umstritten“, erinnert sich Struck. Er selbst spricht sich für den Satz aus, schließlich sei das Verhältnis zu den Amerikanern ohnehin schon angespannt gewesen.

Besuchen Sie auch unser Themen-Dossier:

So hat der Terror die Welt verändert

Einen Tag später ruft die NATO den so genannten Bündnisfall aus, der besagt, dass ein bewaffneter Angriff auf einen NATO-Staatauch als Angriff auf die Bündnispartner angesehen wird – also auch auf Deutschland. „Wir befanden uns also faktisch im Verteidigungsfall“ so Struck. Und als er knapp ein Jahr später zum Verteidigungsminister ernannt wird, ist der Uelzener in seiner rund drei Jahre dauernden Amtszeit der einzige Minister, der die Bundeswehr formell im Kriegszustand führte – aufgehoben ist der Bündnisfall im übrigen bis heute nicht. „Das sind Tage, die man ein ganzes Leben nicht vergisst“, sagt Struck heute. Deutschland gerät unter Druck, weil einer der Todespiloten jahrelang in Harburg studierte. „Da waren wir natürlich in der Rechtfertigungspflicht, warum wir den nicht auf dem Zettel hatten“, so Struck.

Außerdem ist die Innere Sicherheit plötzlich das entscheidende Thema rund ein Jahr vor der Bundestagswahl. Und auch das Bundeskriminalamt, verantwortlich für die Sicherheit der Regierungsmitglieder, verschärft umgehend den Personenschutz.

Peter Struck lehnt diesen zunächst ab – doch als er am 19. Juli 2002 zum Bundesminister der Verteidigung ernannt wird, bekommt auch er ständige Begleiter. Das BKA will zusätzlich eine mobile Wache vor Strucks Privathaus am Uelzener Königsberg aufstellen, doch das möchte dieser nicht. Stattdessen wird Panzerglas in die Fenster des Wohnhauses eingebaut, Kameras überwachen das Grundstück und die Uelzener Polizei wird für regelmäßige Streifenfahrten personell aufgestockt.

Bis November 2005 ist Struck Verteidigungsminister, „diese Zeit war natürlich geprägt vom 11. September“, sagt er heute. Da war zum einen die Frage, wie man politisch mit der neuen Situation umgehen sollte. „Es war schnell klar, dass die USA auf den Irak losgehen wollten“, erinnert sich der heute 68-Jährige. Nach Erkenntnis der Bundesregierung hatte Saddam Hussein aber weder etwas mit El Kaida zu tun, noch plante er den Bau von Atomwaffen, wie von den Amerikanern behauptet.

Da ist der noch immer nicht beendete Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan („Wir dachten, dass wir da in zwei Jahren wieder raus wären“), rund ein Dutzend Mal flog Struck zu den Soldaten. Sein Satz „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“ steht bis heute als Synonym für diesen Einsatz – „das hatte ich damals spontan zu einem Journalisten gesagt“, so Struck.

„Wir mussten uns in der Bundesregierung völlig neu orientieren, die Außen- und Verteidigungspolitik hatten plötzlich überragende Bedeutung“, hat der Sozialdemokrat noch deutlich vor Augen. Und diese Themen sichern Gerhard Schröder die eigentlich schon verlorene geglaubte Wiederwahl im Jahr 2002 mit rund 6000 Stimmen Vorsprung.

Dramatisch wird es für Struck dann im Januar 2003, als ein offenbar verwirrter Mann mit einem Kleinflugzeug zwei Stunden lang zwischen den Wolkenkratzern von Frankfurt/Main hin und her fliegt und Struck die Phantom-Abfangjäger der Bundeswehr in die Luft schickt. „Ich hätte letztlich den Befehl geben müssen, ihn abzuschießen“, schildert der Ex-Verteidigungsminister. Doch kurz bevor es soweit kommt, kann der Tower den Mann zur Landung überreden. „Wäre es zum Abschuss gekommen, wäre ich danach zurückgetreten“, sagt Struck heute.

Auch heute noch wird der pensionierte Polit-Promi noch häufig auf der Straße angesprochen. „Die Leute erkennen mich als ehemaligen Verteidigungsminister, obwohl ich acht Jahre Fraktionsvorsitzender war“, schildert der Träger des Bundesverdienstkreuzes am Stern.

Aus der Weltpolitik hat er sich zurückgezogen. Doch Erinnerungen werden auch bei Peter Struck viele wach morgen am 11. September – zehn Jahre danach.

Von Thomas Mitzlaff

Kommentare