Erinnerungen an heute

Guter Rat – schlechter Rat?

Manchmal greife ich auf, was diese Zeitung meist in Klammern setzt: (Die AZ berichtete…). Also, die AZ berichtete kürzlich vom guten Rat, den Fachleute (Sicherheitsfachleute, Polizisten, Versicherungsagenten) für uns parat halten, um nicht bestohlen, betrogen, übers Ohr oder gar noch viel mehr gehauen zu werden. Gerade jetzt, wo viele von uns unsere vertrauten Orte und lieben Nachbarn verlassen und die Welt angucken.

Ich soll nämlich äußerste Vorsicht walten lassen, wenn mich jemand in der Fremde höflich bittet, ihm einen Ort auf der Landkarte zu zeigen, weil er ein kaputtes oder gar kein Navi hat (währenddessen greift sein Kumpan in mein Auto und später in meine Geldbörse samt Paß, Kreditkarten mitsamt den ganz nahen PIN-Nr….ich weiß, ich weiß),

wenn mich jemand auf überfülltem Parkplatz hilfsbereit auf einen Schaden an meinem Auto aufmerksam macht (und ich aussteige, rumgehe, da klaut besagter Kumpan mir meine größere Tasche und das wär schlimm (mein Laptop),

wenn ich im Straßenbistro sitze und mich jemand anspricht, dann…. Zum Teufel auch! Nein, lieber Gott nochmal! Wie soll man da noch gut leben? Mit alleräußerster Vorsicht? Die heißt Mißtrauen.

Oder machen wirs juristisch: Da sind wir verpflichtet, bis zum Beweis des Gegenteils das Gute im Menschen solange anzunehmen, bis das Gute im Beklagten lange genug untersucht wurde, um festzustellen, ob das Gute lückenhaft sei oder gar nicht sei. Und auch dann irrt sich Justitia so oft. Na ja, bei dem Sichtvermögen…

Ruft nun solch Ratgeber zu grundsätzlichem Mißtrauen auf, dann begebe ich mich ins Unrecht: Ich unterstelle bereits Böses – ohne Untersuchung.

Viel schlimmer ist: Mein vertrauensvolles Leben ist hin! Gestern bei der Drogerie spricht mich ein Mann an, freundliche Augen, etwas wirre weiße Haare, Typ Pastor Minaard, aber Achtung! Der spielt sicher nur freundlich und gleich wird er – wo ist meine Handtasche – wo der Autoschlüssel? (Es ging knapp gut. Es war ein mir früher sogar gutbekannter Kollege, Hansen heißt er, seit 30 Jahren sah ich ihn nicht und wenn,dann nur im Konzert, Anzug und so, kein in alle Richtungen offenes Hemd.)

Früher kriegte man für guten Rat gleich einen Titel: Regierungsrat, Postrat, Geheimrat, Kommerzienrat. Je nachdem wozu der Rat gut war. Ein heutiger Rat der obigen Art wäre dann – na? Ideen?

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller, Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

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