Erinnerungen an Heute

Unseren Arzt oder Apotheker...

...sollen wir fragen, wenn wir mit den Beipackzetteln von Medikamenten nicht klarkommen. Aber ich frage nicht mehr, weil die Beipackzettel allein schon das Grauen lehren, was alles an meinen anderen Körperteilen geschädigt wird, wenn ich das Heilmittel für jenes eine einnehme.

Schon ein Antibiotikum bringt sein Umfeld um (anti bio..). Besonders tun mir auch alle Chirurgen leid, die bei noch so kleinen ihrer Taten seitenweise ausholen müssen, um dem Patienten die nahenden und möglichen Bedrohlichkeiten zu schildern.

Am schlimmsten aber sind Fluggesellschaften. Da sinkt der Mensch nach minutiös, das heißt zwanghaft geplanter Anfahrt, nach Check-in, nach Warten und Schlangestehen im Gang des Fliegerzeugs auf seinen Sitz – und schon ruft die Stimme der Stewardess alle Szenarien des Schreckens auf, die auf der noch so kurzen Strecke (in meinem Fall Hannover-Friedrichshafen) passieren könnten: Druckluftabfall bei schnellem Absturz, Notrutschen bei Landungen, wo gar nicht gelandet werden soll, Schwimmwesten anlegen... Wie, was?

Ich frage nach, richtig: Schwimmweste erst außerhalb des Flugzeugs, also im Wasser aufpumpen! Ich werde das schon beim Sturzflug vorziehen...

Wie viel Millionen Menschen denken überhaupt erst an das Schlimmste durch diese verbalen Beipackzettel der Fluggesellschaften – ohne dass auch nur das berühmte Haar gekrümmt wird.

Viel wichtiger wären Beipackzettel mit Warnungen beim Kauf von Leitern aller Art (Haushaltsunfälle rangieren weit vor Verkehrsunfällen)! Vor Hausschuhen mit Filzsohlen müssen wir gewarnt werden, ich rutsche wegen meines Temperaments ständig am Abgrund.

Und neulich hat sich ein Kind mit der neuen elektrischen Zahnbürste verletzt, weil es mit dem Stahldocht, auf den die rotierende Bürste erst aufgesetzt werden muss, ohne die besagte Bürste in die Mundhöhle fuhr. Ich will genau sein: Nicht das Kind, sondern seine teure kieferorthopädische Klammer wurde verletzt.

Wer warnt uns beim Kauf von Autos, die vielmal schneller fahren als der menschliche Körper es verkraftet. Schädigung in jeder Blechkiste auf Rädern bevor wir überhaupt erst Blechschaden machen.

Oder Handys! In Japan gibt es 4000 Beratungsstellen wegen der Sucht, die das Handy im Nutzer dadurch auslöst, dass virtuelle Kommunikation viel mehr wirkt als die direkte.

Ich sehe nicht ein, warum vor Heilmitteln gewarnt wird, vor OPs, vor einer guten Zigarre oder Pfeife oder zwei Zigaretten.

Ach ja – wo bleibt die Warnung vor Alkohol.

Im Flugzeug saß ich neben einer Kollegin, die Paare psychotherapeutisch begleitet. Eigentlich müssten wir auch dauernd vor Liebe warnen, vor zu wenig und vor zu viel, meinte sie und ich hätte das Gespräch zu gerne fortgesetzt, um zu lernen. Aber da landeten wir schon in Friedrichshafen auf dem Rasen vom ollen Grafen Zeppelin. Nichts passiert. Trotz allem.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

 Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg und ist erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@ t-online.de

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