Erinnerungen an Heute

Haschisch fürs Volk

Da lagen sie also, die schönen vertrauten Gaben aus der Natur vor dem Altar (mindestens am Erntedankfest heißt die Natur Schöpfung). Sie lagen im Chorraum der Kirche St. Georg in Hanstedt: Früchte, Blumen, Kartoffeln – sogar in Herzform.

Die Gaben also, die den Gläubigen an den Dank an Gott erinnern für die gar nicht selbstverständlichen Mittel zum Leben, Lebensmittel. Zunächst die für des Leibes Notdurft und Nahrung. Darüberhinaus erinnernd an spirituelle Lebensmittel.

Doch dieser Herbstblumenstrauß – was zum Teufel – Verzeihung, bei Gott! – ließ die beiden Konfirmanden an diesem einen Strauß innehalten, sich anschubsen, unterdrückt grienen, später per Handy den Strauß fotografieren? Richtig. Daraus ragte für alle sichtbar, aber nur für Eingeweihte sofort identifizierbar, diese auffallend schöne Pflanze. Zartgrüne, zierliche Blätter spreizten sich dem Betrachter entgegen und repräsentierten das Gegenteil vom vergleichsweise dazu sperrigen Gersten- oder Roggenhalm oder träge-plumpen Kürbis, der auf seine Gesichts-OP wartet, um zu Halloween von innen erleuchtet zu werden.

Jawohl! Eindeutig: Es war eine Haschisch-Pflanze, die dort im Altarraum die Ernte-Dankbaren anstrahlte! Offen und öffentlich: Hasch in der Kirche! Die Dame, die den Strauß mit Haschisch band, versicherte, dass ein Polizist aus ihrer Nachbarschaft diese Pflanze täglich auf dem Weg zum Dienst gesehen – und toleriert habe. Wegen der Schönheit (der Pflanze).

Für Kenner: Dieses Vorkommnis schmeißt einen Teil der Psychoanalyse über den Haufen, nach der (jede) Religion Opium sei fürs Volk. Das war eine der Kurzformeln des Friedrich Nietzsche, die Sigmund Freud freudig aufnahm. Seitdem grübeln unsichere Gläubige darüber, wie drogenabhängig sie seien. Wäre nun die Erfahrung in Hanstedt nicht ein Modell, massenweise Jugendliche in die Kirche (zurück) zu holen, indem dort – gut dosiert – Hasch wartet?

Ach, wenn Sigmund Freud und seine Glaubensgenossen diese Fortschritte der Kirche doch nur hätten sehen, riechen, kosten können – sie würden irre werden an ihrem Glauben. Heutzutage. Zumindest in Hanstedt. Wo Religion nicht mehr Opium oder Haschisch fürs Volk sind, sondern umgekehrt Haschisch der Religion dient.

Bevor jedoch die Busse vor St. Georg in Hanstedt vorfahren mit hoffnungsträchtigen Haschern: Es gab nur diese eine einsame Hasch-Pflanze in unbedeutender Dosierung. Die Fantasie regte aber schon diese einzelne an.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller. Er ist erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de

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