Erinnerungen an Heute

Elysium

„Elysium“ heißt er, sagte Christine vor dem Kino in Salzwedel, wo uns seit Monaten ein erstes arbeitsloses, kinder- sowie enkelloses Wochenende winkte. Nur für uns. Geradezu bräutlich. Ein Film „Elysium“ passt dazu.

Die Griechen verbanden mit diesem Wort ihre Vorstellung vom Paradies, vom Aufenthaltsort der Seligen. Selbst Menschen, die das nicht wissen, haben „Elysium“ im Ohr von Beethovens euphorischem Chor, der die „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“ himmelhoch jauchzt. Worte von Schiller. Also Bildung pur. Alte Bildung, altbacken gewordene Bildung, die in heutiger Schule ein Abstellkammerdasein führt, weil die rasende Gegenwart rasant viel neue Bildungen gebiert, welche Zeit frisst.

Aber: Fast nur Jugendliche drängten sich in langer Schlange vor dem Kinozentrum in Salzwedel vor der Kasse, um auch „Elysium“ zu sehen. Christine und ich glichen in der Warteschlange die Altersdurchschnittsquote aus, kauften Popcorn und Schweppes, freuten uns am verwunderten Blick von Mitbewerbern um Karten für das Elysium und wunderten uns über die Kartenverkäuferin, die sich vergewisserte, ob wir „dahinein“ wollten. Wir hatten die Plakate nicht angesehen. Warum auch? Wer will nicht ins Paradies…?

Dann jedoch: Der Film „Elysium“ zeigt die Menschheit in astrophysikalisch wie digital bald möglicher Zukunft: Ein winziger Teil der Menschen lebt im All in einer Art riesiger ISS-Raumstation, lebt in einer hermetisch abgeriegelten Kunstwelt in ebenso ewiger wie frigider Jugend, lebt in unvorstellbarem Reichtum zwischen Glas, Beton, Palmen, Kunststoff. Fast ungestört von den ebenfalls unvorstellbar gewachsenen Elendsvierteln der übrigen Menschheit auf Mutter Erde. Diese verarmende Erde wird von dort oben, dem Elysium, beherrscht durch digitale Total-Kontrolle, durch brachiale Big-Brother-Macht, durch Superraketen, Superbomben, Supermedikamente, durch digital ferngesteuerte Roboter-Polizisten und ihre namenlosen, durchnumerierten menschlichen Kontrolleure. Menschlich alles wie gehabt – mit der Garnitur des vierten Jahrtausends. Mitten im irdischen Elend ein Hauch von Liebesgeschichte, eine ein Kind tröstende Nonne mit Medaillon der Gottesmutter und gotische Buchstaben für mystische Botschaften auf Schwertern von Rockern à la Hells Angels mit Ritter-Rüstungs-Gehabe. König Artus-Rund lässt grüßen.

„Waaas – Ihr wart im ‘Elysium‘?“ Die Kinder glaubten uns nicht. Aber wir, was wir hier lasen: Das Salzwedeler Kino betreibt die Tochter von Renate Böhm, unserer Uelzener Kino-Fürstin. War sie diese auffallend fürsorgliche Kartenverkäuferin, die die jetzige Erde auch besser findet als jenes Elysium?

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller, Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

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