Ehemaliger Gymnasialdirektor aus Uelzen kritisiert Aussagen des „Lernatlas“

Eine Studie mit Mängeln?

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Uelzen/Landkreis. Der Titel klingt allumfassend, der Anspruch hoch: „Deutscher Lernatlas“ heißt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung.

Darin haben Wissenschaftler untersucht, wie gut die Bedingungen für schulisches, berufliches, soziales und persönliches Lernen in 412 deutschen Regionen aussieht. Wie berichtet, schneidet der Kreis Uelzen dabei unterdurchschnittlich ab. Doch jetzt übt Hans-Joachim Lepel, ehemaliger Leiter des Uelzener Lessing-Gymnasiums (LeG), scharfe Kritik am Lernatlas. Für viele Aspekte der Untersuchung „taugt das Zahlenmaterial überhaupt nicht“, sagt er.

So stufen die Experten den Kreis Uelzen beim schulischen Lernen nur auf Platz 56 von 75 Kreisen im ländlichen Raum ein. Diese Bewertung erwecke den Eindruck, dass die hiesigen Schüler in der Lesekompetenz in Deutsch und Englisch sowie in Mathematik und den Naturwissenschaften bei PISA und anderen Tests nur mäßig abgeschnitten hätten, erklärt Lepel.

„Doch auf welchem Zahlenmaterial basieren diese Aussagen?“, fragt er. „Keine Schule aus unserem Landkreis hat in der Vergangenheit an einer der genannten Untersuchungen wie PISA oder IGLU teilgenommen.“ Deshalb hätten die Lernatlas-Autoren die Zahlen, die für ganz Niedersachsen als Gesamtwerte gelten, „unterschiedslos auf die Landkreise übertragen“. Die Folge: Bei fünf der zehn Kriterien des schulischen Lernens tauchten im Lernatlas für alle niedersächsischen Kreise die gleichen Werte auf, bemängelt Lepel.

So blieben am Ende nur wenige spezifische Aussagen über den Kreis Uelzen übrig: Hier verlassen weniger Jugendliche die Hauptschule ohne Abschluss als im Landes- oder Bundesdurchschnitt. Zudem werden pro Kopf mehr Studienplätze angeboten. Und hier leben vergleichsweise weniger Menschen zwischen 20 und 34 Jahren mit hochwertigen Schul- und Hochschulabschlüssen. „Das liegt aber nicht daran, dass die Menschen hier dümmer sind, sondern vor allem liegt es an der Strukturschwäche dieser Region mit zu wenigen hochwertigen Arbeitsplätzen, was zu einer Abwanderung der besser Qualifizierten in andere Regionen führt“, erläutert Lepel.

Sein Fazit: Die Bertelsmann-Studie werde ihren Versprechungen nicht gerecht und liefere bei der Analyse des schulischen Lernens nur eingeschränkt verwertbare Ergebnisse. Daher müsse „die Lokalpolitik nicht in hektischen Aktionismus verfallen“, warnt der ehemalige Schulleiter. Die Aussagen der Studie „taugen nicht, um auf ihrer Basis Verbesserungsmaßnahmen zu planen“. Politik und Verwaltung müssten sich jedoch weiterhin um die Verbesserung der Infrastruktur in der Region Uelzen bemühen, so Lepel. „Dann wird unser Landkreis sich auch beim Ranking im Lernatlas verbessern.“

Die Uelzener Kreisverwaltung hat die Studie noch nicht ausgewertet. „Wir werden uns zusammensetzen und sehen, welche Schlüsse wir daraus ziehen“, sagt Schulamtsleiter Lothar Heinisch. Einen Schwachpunkt hat er aber bereits ausgemacht: „Bei der Inklusion von Förderschülern sind wir landesweit weiter als viele andere Regionen. Anscheinend wurde dieser Aspekt in der Studie jedoch gar nicht berücksichtigt.“

Von Bernd Schossadowski

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