„Ein geliebtes Anhängsel“

Uelzen - Von Jürgen Köhler-Götze. „Ein Schock“ sei es für ihn gewesen, was er da in der vergangenen Woche in der AZ lesen musste, bekannte Pastor i.R. Hans-Joachim Grelle in seiner Rede über die Geschichte des Wichern-Hauses. Das feiert heute seinen 125. Gründungstag und Grelle hatte zur Kenntnis nehmen müssen, dass ausgerechnet die Keimzelle des Hauses, die Herberge für Menschen ohne festen Wohnsitz, bald nicht mehr bestehen wird. Denn die Stadt hat den Vertrag für die seit 1885 bestehende Einrichtung gekündigt, um Kosten zu sparen.

„Wie der Anfang, so das Ende“ könne man diese Kündigung überschreiben, sagte Grelle bei der gestrigen Feierstunde. Als nämlich im Jahr 1884 der Verein Herberge zur Heimat bei der Stadt erstmals Gelder für die Unterhaltung einer Herberge beantragte, lehnte der Magistrat der Stadt diesen Antrag ab.

Zwar sei die Herberge schon lange nicht mehr das Kerngeschäft des Wichern-Hauses, so der Vorstandsvorsitzende Manfred Bahn, sondern „wirtschaftlich nur noch ein Anhängsel, aber ein geliebtes Anhängsel“, aber man bedauere die Kündigung dennoch sehr. „Wir sehen, dass es Zwänge gibt und dass die schmerzliche Reduzierung wohl unausweichlich war.“ Die Herberge war im vorigen Jahr nur noch zu 14 Prozent ausgelastet und auch in den Jahren davor war es um die Belegung der Betten nur unwesentlich besser bestellt gewesen.

Bürgermeister Otto Lukat verteidigte die Kündigung des Vertrages: „Die Verhältnisse haben sich geändert: Wandernde Handwerksgesellen gibt es nicht mehr.“ Und er ist sich sicher, das Wichern-Haus mit der Kündigung nicht vor ein Finanzproblem zu stellen. Die Stadt dürfe diese Leistungen so nicht mehr übernehmen, „zumal der Übernachtungspreis zuletzt 127 Euro pro Nacht betragen hat“, sagte Lukat.

Das Wichern-Haus hat sich längst zu einem Alten- und Pflegeheim gewandelt, das sich in Konkurrenz mit 27 Heimen in Stadt und Kreis behaupten muss, von denen nur ein kleiner Teil ausgelastet ist. Das Wichern-Haus ist voll ausgelastet, obwohl es nicht das billigste Heim ist. Man zahle den Pflegekräften eben keine Dumping-löhne, sondern nach Tarif und „die vor kurzem beschlossenen Mindestlöhne berühren uns nicht“, so Bahn. „Wir zahlen deutlich mehr.“ Die Personalkosten machten 66 Prozent aller Kosten des Wichern-Hauses aus, verriet er.

Stolz ist man beim Wichern-Haus darauf, dass es nach wie vor einen christlichen Charakter hat. Mehr als ein Festredner bemühte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dessen Geist im Hause gearbeitet werde. Das sei das Pfund dieses Hauses, betonte Pastor Reinhard Klingbeil. Bei aller Sorge darum, wie das Haus wirtschaftlich zu betreiben ist, dürfe man diesen christlichen Charakter niemals vergessen.

Heute von 13 bis 19 Uhr werden die 125 Jahre beim Tag der offenen Tür an der Niendorfer Straße 55 gefeiert. Jeder Interessierte ist willkommen.

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