Wolfgang Scholz leitet die Uelzener Bahnhofsmission – und ist Ansprechpartner für jedermann

„Egal wer kommt, er kriegt Hilfe“

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Ein Reisender ist auf dem Weg nach Mannheim. Wolfgang Scholz erklärt ihm, welchen Zug er nehmen muss.

Uelzen. Wolfgang Scholz hat „sturmfrei“. Er sitzt allein in seinem Büro, seine Kollegin ist beim Zahnarzt. Es ist ein Tag mitten in den Sommerferien.

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Gerade ist es ruhig, was sich aber vor allem am Wochenende auch schnell ändern kann, sagt der Leiter der Uelzener Bahnhofsmission, während hinter ihm, nur wenige Meter von seinem Bürofenster entfernt am Gleis 301 ein Zug vorbeirattert. Ruhig sei es, wenn der Zugbetrieb normal laufe, es also keine Störungen von Bauarbeiten bis hin zu Streiks oder Unwetter gäbe. In solchen Momenten ist der 58-jährige Uelzener rund um die Uhr erreichbar. Vier Handys und ein Telefon liegen vor ihm auf dem Schreibtisch.

Die Bahnhofsmission Uelzen bietet kostenlos mobile Zugbegleitungen, Ein-, Aus- und Umstiegshilfen, Erstberatung bei sozialen Problemen sowie den Aufenthalt in ihren Räumlichkeiten hinter dem Bahnhofsgebäude an.

Eine Anruferin meldet sich, die um eine Zugbegleitung nach Algermissen in zwei Tagen bittet. Scholz betrachtet den Kalender vor sich, während eine weibliche Stimme am Bahnsteig die nächsten Zuganbindungen ankündigt. Normalerweise müssen „die Mobilen“ eine Woche vorher angemeldet werden. Scholz findet eine Lösung: „Meine Kollegin fährt da eh Richtung Hannover.“ Das Team macht noch weitere Ausnahmen. Von einer Autistin, die sie auch schon einmal bis an die Ostsee begleiteten, obwohl er eigentlich nur für das Zugnetz in Niedersachsen zuständig ist, erzählt Scholz gerührt.

Allein in diesem Jahr hätte sein achtköpfiges Team und er – zwei Hauptamtliche und sieben Ehrenamtliche – bereits zirka 700 Zugreisende begleitet. Der Bedarf an weiteren Ehrenamtlern sei immer da: „Ich trau mich manchmal kaum noch, meine Leute zu fragen, ob sie nächsten Sonntag schon wieder arbeiten können“, gibt Scholz offen zu. Mit seinem Arbeitsvertrag von 20 Stunden kommt der 58-Jährige selbst längst nicht aus, den Rest macht er ehrenamtlich.

Bahnsteigdienst. Scholz braucht keinen Fahrplan: 304 kommt der nach Halle, 303 der „Wittinger“, 302 der „Bremer“ und 301 der Metronom aus Hamburg. Den will Scholz nicht verpassen, es ist aber noch etwas Zeit für eine Zigarette. „Entschuldigung, können sie mir helfen?“, fragt ein junger Mann auf Englisch und tippt auf eine Uelzener Adresse in seinen Unterlagen. Dann fährt der „Hamburger“ ein: Scholz spricht eine Frau an, die mit Kinderwagen über den Bahnsteig fährt. „Wohin wollen Sie denn?“ Sie bleibt nicht die Einzige, der er in den nächsten Minuten den Weg erklärt. „Man sieht, wer unsicher ist“, erläutert der Uelzener sein Vorgehen, „das sind Erfahrungswerte.“ Bevor er ins Büro zurückkehrt, legt er noch einen Zwischenstopp beim Fahrkartenautomaten ein – Recherche für die Anruferin von vorhin.

Der ehemalige Maler und Metallbauer nimmt die Menschen, wie sie sind. „Egal wer kommt, er kriegt Hilfe.“ Sucht, Lebensberatung, Hunger, kein Dach über dem Kopf – Scholz und seine Kollegen hören zu, schmieren Schmalzbrote und versuchen zu helfen. „Manche wollen einfach ein bisschen quatschen. Die haben keinen.“ Sie würden ihre Grenzen aber kennen, verwiesen an Beratungsstellen. Die unterschiedlichen Menschen und nicht zu wissen, was der Tag bringt – das mag der Uelzener. Scholz: „Die Bahnhofsmission ist eine Wundertüte.“ Eigentlich hat er jetzt Feierabend. „Ich bleibe noch ‘nen Augenblick.“

Von Sophie Borm

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