Doch wo bleibt unsere Zeit?

Immer wieder berührt mich, wie schnell die Zeit vergeht. Älter bin ich geworden, zweifellos. Aber bin ich auch weitergekommen? Eigentlich empfinde ich „Weiterkommen“ als eine problematische Sehnsucht. Mehr will ich haben und wissen, mehr Einfluss für mich und über andere.

Ich will aber auch Kontinuität im Denken und Glauben. Tiefe statt Fortschritt. Irgendwo passt dies beides nicht recht zusammen. Der Knick in meinem Leben tritt deutlich zu Tage. Habe ich mein Leben nicht zu sehr vom Raum her bestimmen lassen und sogar die Zeit zum „Zeitraum“ gemacht?

Das hat zur Folge, dass wir im Leben von Raum zu Raum eilen und die Zeit als Überbrückung von Räumen, eben als Termin erfahren. So geraten wir leicht in Hetze, kommen außer Atem. Wir brauchen einen Terminkalender. Der sagt uns, wo wir um 8 Uhr und um 12 Uhr und am Abend sein werden. Doch wo bleibt die Zeit?

Ist es ein Zufall, dass der Schöpfungsbericht der Bibel die Erschaffung der Welt nach Zeit einteilt, nach Tagen nämlich? Jeder Zuwachs an Welt und Raum bleibt auf die Zeit bezogen: „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Und am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, heiligte die Schöpfung und gab sich und allen anderen Lebewesen den Sabbat zur Ruhe. Gott hat Zeit und gibt Zeit. Nie lässt sich Zeit horten. Immer ist sie Geschenk des Schöpfers an uns.

Zu einem frommen Juden kam ein Besucher und klagte: „Ich habe keine Zeit!“ Er erhielt die Antwort: „Setz dich nur hin, und die Zeit kommt von selbst.“

Der Sonntag ist der Tag, den Gott ausgesondert hat. Mit Jesu Auferstehung ließ er die neue Schöpfung anbrechen. Gottes Zeit verwirklicht sich in unserer Zeit, sein Leben in unserer Todeswelt.

Kann ich mir leisten, dies Angebot Gottes auszuschlagen oder zu überhören? „Heute muss ich in dieses Haus einkehren“, ruft Jesus dem Zöllner Zachäus zu, und täglich kommt diese Einladung in seinem Wort auch auf uns zu. Das „Heute Gottes“ ist der ruhende Pol an jedem Tag, dem geruhsamen wie dem gehetzten.

Innehalten vor Gott, und wenn es nur ein kurzer Moment ist: Wir sollten es wieder üben, heute und jedenfalls am Tag des Herrn, dem Sonntag. Nicht Gott tut es gut, sondern uns selbst, wenn wir aufhören zu klagen und wieder Gott hören und loben, wie es unsere Bestimmung als Menschen ist.

Armin Sauer ist Pastor der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Petri Uelzen. Das Wort zum Sonntag finden Sie auch im Internet unter az-online.de/lokales/kolumnen

Von Armin Sauer

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