Fachleute und Schüler diskutierten über Cyber-Mobbing / Mehr Zivilcourage gefordert

Diffamierungen aus dem Netz

Uelzen. Vor zwei Minuten hat Jacqueline mit Dennis Schluss gemacht. 15 Sekunden später hat Dennis seinen Beziehungsstatus auf Facebook geändert, und es dauert nur wenige Minuten, bis unter den 459 „Freunden“ des Traumpaares die Schuldfrage geklärt wird.

Im Sekundentakt posten sie Ereignisse, Vermutungen und Schlussfolgerungen. So werden nicht nur private, gar intime Einzelheiten weltweit bekannt gemacht, sondern es finden sich auch schmerzliche und beleidigende Wertungen darunter.

Schikanöse Gerüchte und Mobbing hat es auch schon ohne Facebook und ähnliche Plattformen gegeben, aber sie verbreiten sich heutzutage viel schneller in eine unbeteiligte Öffentlichkeit. Dies war nur ein Aspekt einer Podiumsdiskussion zum Thema „Cybermobbing – alles nur Panikmache?“, zu der die Berufsbildenden Schulen I in Uelzen eingeladen hatten.

„Von Privatleben keine Spur“, konstatiert Diplom-Informatiker und Softwareentwickler Titus Tscharntke für die Piraten-Partei auf dem Podium. Er belächelt die Jugendlichen, die mit dem Hinweis auf ihre „Privatsphäre“ weder Lehrer noch Eltern bei Facebook antreffen möchten. Wohlweislich und nicht etwa, weil seine Kinder das nicht wollen, verzichtet Tscharntke auf eine Registrierung in diesem sozialen Netzwerk.

Eine heiße Debatte führten die Schüler mit den eingeladenen Experten von Polizei, Medizin, Schule und Justiz auf dem Podium. „Wir sind die Neandertaler im weltweiten Netz“, meinen die Schüler, die sich darüber im Klaren sind, dass noch lange nicht absehbar ist, wie sich die moderne Kommunikation über neue Medien noch entwickeln wird.

Rechtsanwalt Rüdiger Proest indessen fordert die Politik auf, für mehr Transparenz zu sorgen, „weil eine große Zahl von strafbaren Handlungen im Internet nur aus Gründen der Anonymität nicht geahndet werden kann“.

Parteigetreu warnt Tscharntke vor Einschränkung von Freiheitsrechten. „Unternehmen oder Behörden könnten jederzeit in Erfahrung bringen, welche Produkte, Filme, Informationen angesehen werden oder mit wem Sie chatten.“

Mit den wirklich schlimmen Folgen befasst sich Psychologe Christoph Pillmann bei seiner Arbeit in der Uelzener Psychiatrischen Klinik. Opfer von Mobbing in sozialen Netzwerken berichten über Schlafstörungen, leiden unter verschiedenen psychosomatischen Erkrankungen und vielfach unter Depressionen. „Die Opfer fragen sich zunächst, was das, was dort gepostet wird, mit ihnen zu tun hat“, erzählt er über den Werdegang typischer Opfer, die nicht selten auf die virtuelle Welt eingeengt sind. „Die Täter wissen meist gar nicht, was sie da anrichten.“

Die Schüler sehen ein Problem in der Abstumpfung der Gesellschaft – viele erkennen die Grenzen nicht mehr: „Ist das noch normal oder schon Mobbing?“ Wenn sie sich in der realen Welt auch gegenseitig mal hoch nehmen oder schikanieren, „merke ich doch sofort, wenn ich zu weit gegangen bin, wenn die anderen mich dann strafend ansehen“.

Inzwischen wird sogar das Fotografieren mit dem Handy auf Sportveranstaltungen verboten, „weil man ja nie weiß, was mit den Bildern gemacht wird“, berichtet eine Schülerin. Offenbar gibt es Menschen, die mit der von den Piraten geforderten Freiheit nicht umgehen können. „Gemeinsam hinschauen“, resümiert Schulleiter Stefan Nowatschin, „Diffamierungen sollte jeder offen gegenüber treten und dem Einhalt gebieten.“

Von Angelika Jansen

Kommentare