Fall keine Ausnahme

Diebe auf den Gräbern: Ruhestätte einer Uelzenerin mehrmals heimgesucht

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Tatort: Friedhof. Diebstähle von Gräbern sind keine Ausnahme, wissen Polizei und Friedhofsverwaltung.

Uelzen. Lediglich zwei Tage lagen zwischen den beiden Diebstählen. Unbekannte haben sich am Grab einer gerade erst beigesetzten Uelzenerin zu schaffen gemacht, ließen erst Grabschmuck und dann Blumen mitgehen.

Ein Bagatelldelikt? Für für die Tochter der Verstorbenen ist alles andere als nur ein Ärgernis: „Was denken sich diese Menschen?“, fragt sie.

Polizei und Friedhofsverwaltung berichten: Solche Taten sind nicht die Ausnahme. Diebstähle von Gräbern sind ein leidiges Phänomen – auch im Landkreis Uelzen. Friedhofsverwalter Andreas Sterneck: „Es kommt immer wieder vor.“ Er habe erleben müssen, dass sogar von frisch besetzten Grünanlagen des Uelzener Friedhofes die Pflanzen herausgerupft worden seien.

Diebstahl und Vandalismus seien Antragsdelikte, informiert Polizeisprecher Kai Richter. Eine Strafverfolgung beginne damit erst mit Erstatten einer Anzeige: In diesem Jahr seien bislang vier Diebstähle von Gräbern im Landkreis Uelzen von Beamten aufgenommen worden, im vergangenen Jahr seien es sieben gewesen. Richter: „Die Dunkelziffer der Taten dürfte weit größer sein“.

Andreas Sterneck sagt, Betroffene sollten sich an die Polizei wenden. Möglichkeiten, Diebstähle zu unterbinden, gebe es für die Friedhofsverwaltung nicht. Der Vorschlag von Betroffenen, Kameras zu installieren, sei mit hohen rechtlichen Hürden verbunden und auch nicht umsetzbar. Dafür seien die Friedhöfe häufig zu groß und zu unübersichtlich. Beispiel: der Uelzener Friedhof. Er umfasst ein Gebiet von 20 Hektar mit 12 800 Grabstätten. Im Landkreis Uelzen gibt es mehr als 70 Friedhöfe.

„Wer beklaut einen Toten?“

Marion T. fragt: „Wer beklaut einen Toten?“ Ende Mai starb ihre Mutter – im Alter von 76 Jahren nach langer Krankheit. Das war nicht leicht für T., die auch jetzt noch nicht zur Ruhe kommt: „Mir geht es nicht gut, weil ich mich so aufrege“, sagt die Uelzenerin. Zwei Mal innerhalb von wenigen Tagen machten sich Unbekannte am Grab der Mutter auf dem Uelzener Friedhof zu schaffen, stahlen Blumen und Grabschmuck. Solche Taten sind keine Einzelfälle, weiß Friedhofsverwalter Andreas Sterneck.

Diebstahl ist ein leidiges Phänomen auf Friedhöfen. Sterneck erlebte auch schon, dass Täter kleinere, liegende Grabsteine entwendeten.

Als Grabschmuck hatte T. eine Kugel mit LED-Leuchten auf die letzte Ruhestätte der Mutter gestellt. Die Kugel wurde mitgenommen. Ein Strauß gelber Blumen verschwand nur zwei Tage später. Es gehe ihr nicht um den sächlichen Verlust, so die Uelzenerin. Die Leuchtkugel kostete rund neun Euro. Ihr geht es darum, dass es keinen Respekt vor Verstorbenen zu geben scheint. „Es ist erschreckend.“ Wenn Andreas Sterneck mit Betroffenen spricht, bei denen Gräber Angehöriger von Dieben heimgesucht wurden, bekommt er den Satz „Mir geht es nicht um den Wert“ immer wieder zu hören. Die emotionale Belastung sei größer, sagt er. In den wenigsten Fällen können die Diebstähle aufgeklärt werden, berichtet die Polizei. Hinweise auf die Täter gebe es selten. Marion T. hat nach den Diebstählen im Gespräch mit Beamten als Rat zu hören bekommen, dass Friedhofgänger die Polizei alarmieren sollten, wenn sie einen Diebstahl beobachteten oder sich Personen an Gräbern auffällig verhielten.

Die Friedhofsverwaltung sucht mit Betroffenen das Gespräch, sieht sich aber machtlos. Die Gärtner auf den Friedhöfen seien nur bis zum Nachmittag tätig, die Idee, Kameras zu installieren, sei angesichts der Größe von Friedhöfen und ihres Bewuchses nicht umsetzbar, so Sterneck. Er rät Angehörigen von Verstorbenen, bei Diebstählen mit anderen Friedhofsgängern zu sprechen, sie zu bitten, das Geschehen auf dem Friedhof im Blick zu haben. Das Prinzip: Viele Augen sehen mehr. Mögliche Täter könnten es sich überlegen. Marion T. will es so halten. Doch ihre Sorge bleibe, dass die Diebe wiederkommen: Eine Laterne sowie eine Engelsfigur stünden noch auf dem Grab. „Wenn ich jetzt zum Grab gehe, dann mit dem Gefühl: Hoffentlich ist nicht schon wieder etwas weg“. Um Täter nicht noch zu animieren, will sie auch ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen.

Von Norman Reuter

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