„Die tun uns wirklich leid“

EHEC-Verdacht in Steddorf: Bürger sorgen sich um Zukunft des Gärtnerhofs

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Ein Polizeifahrzeug fährt vor das Tor des Gärtnerhofes, die Kameras laufen – im Bienenbütteler Ortsteil Steddorf sind seit gestern Morgen Medienvertreter aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich in Stellung.

Bienenbüttel-Steddorf. Kater Felix fühlt sich sichtlich wohl. Der rot Getigerte mit dem strassbesetzten Halsband schmust mit Stativen, streicht selbstbewusst um die Übertragungswagen herum und lässt sich im Schatten von Kameraleuten kraulen.

Für alle anderen aber am Steddorfer Fichtenweg ist es spätestens seit gestern Morgen vorbei mit Entspanntsein: Der Verdacht, dass der dortige Gärtnerhof Bienenbüttel Ursprung der bundesweiten EHEC-Epidemie sein soll, hat Nachrichten-Teams aus ganz Deutschland, aus Großbritannien und Frankreich auf den Plan gerufen, die mit ihren Fahrzeugen die Seitenränder der kleinen Sackgasse säumen.

Wer gestern Morgen aus Neugier an dem Gärtnerhof in Steddorf vorbeikommt oder einfach nur mit seinem Hund Gassi geht, kann sich sicher sein, dass er sich vor Kameras und Mikrofonen wiederfindet. So wie Hildegund Greve. Sie wohnt mit ihrem Mann direkt neben dem Gärtnerhof und betont beim Gespräch über den Gartenzaun: „Das sind sehr nette Leute, die tun uns wirklich leid.“ Was wohl jetzt mit dem Betrieb geschehen wird? „...etwas Schlimmes vielleicht“, fürchtet Hildegund Greve.

Hildegund Greve wohnt direkt neben dem Gärtnerhof und gibt Reportern Auskunft.

Sorgen um den Familienbetrieb, der seit 1978 Bio-Anbau betreibt, unter anderem Keimsprossen produziert und vertreibt, macht sich auch Karen Erbuth. Sie wohnt ein paar Häuser weiter und schlängelt sich gerade mit ihrem Fahrrad an den Ü-Wagen vorbei. „Früher haben wir da ja auch gekauft, da gab es noch einen Hofladen“, sagt sie. 15 bis 18 Jahren müsse das jetzt her sein. Einen kühlen Erdkeller habe es damals dort gegeben, erinnert sich die Steddorferin. Heute allerdings versorgt sie sich aus dem eigenen Garten. „Da habe ich Salat, und den esse ich auch.“ Gemischte Gefühle hat Karen Erbuth allerdings, wenn die Vorfälle etwas mit dem Grundwasser zu tun haben sollten. Aber Genaues wisse man ja noch nicht.

Unterdessen bringen sich immer mehr Kamerateams an dem vordersten Eisentor in Position, das mittlerweile verschlossen ist. Allein Polizei und Sicherheitsdienst dürfen die Pforte passieren. „Und heute Morgen ist schon ein Lieferwagen rausgefahren“, weiß Hildegund Greve zu berichten. Das Tor selbst wurde noch am Sonntagabend dicht gemacht. „Das mussten die erstmal freischaufeln, das war ganz zugewachsen, weil es ja sonst immer offen ist“, hat die Nachbarin beobachtet.

Die Greves stellen den Journalisten vor Ort sogar ihre Toilette zur Verfügung. Mit dem Einen oder Anderen fachsimpelt der Steddorfer auch über sein Motorrad, eine Horex. Man vertreibt sich die Zeit, sitzt im Schatten der Bäume, raucht und wartet auf neue Ereignisse, die sich da abspielen könnten. Handys klingeln, junge Männer in schicken Sakkos positionieren sich vor Fernsehkameras, geben kurze Situationsberichte ab.

Eine junge Frau kommt mit ihrem Hund des Weges. „Ich war’s nicht“ steht auf dem Brustgeschirr des aufgeregten, weißen Terriermischlings. Auch sein Frauchen kann über die Betreiber des Gärtnereihofes Bienenbüttel nur sagen, dass es sich um sehr nette Leute handele und man sich um deren Zukunft sorge. „Da geht es ja um die Existenz“, haben auch Hildegund Greve und Karen Erbuth längst erkannt.

Indes erzählt man sich am Fichtenweg: „Die Sprossen gab es ja auch in unserem Edeka-Markt zukaufen. Die sind jetzt aber nicht mehr im Regal.“ Auf Nachfrage bei Kerstin und Jürgen Meyer, den Betreibern der Edeka-Märkte in Bienenbüttel und Bad Bevensen, gibt es allerdings eine deutliche Reaktion auf solche Äußerungen: „Wir haben keine Sprossen vom Gärtnerhof Bienenbüttel bezogen“, stellen die beiden gestern Vormittag klar.

Heinrich Harder, Einkaufsleiter Obst und Gemüse für die Edeka-Nord, bestätigt das. „Wenn Meyers ihre Ware zu 100 Prozent von der Edeka-Nord beziehen – und davon gehen wir aus – dann ist sicher gestellt, dass es dort keine Sprossen vom Gärtnerhof gibt“, sagt er. Denn die Edeka-Nord, deren Verbreitungsgebiet sich von Flensburg bis Bad Bodenteich und von Prenzlau bis nach Cuxhaven erstreckt, beziehe ihre Keimsprossen aus Holland, ein weiterer Lieferant komme aus Neuengamme in der Elbmarsch.

Von Ines Bräutigam

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