Austauschschüler – Italienerin und Argentinier erleben den Alltag in Uelzen

„Der Zug hat Verspätung...“

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Gut drauf und international aufgestellt: Jorge und Pilar genießen ihren Aufenthalt in der Uhlenköperstadt und feiern das Weihnachtsfest fernab der Heimat.

Uelzen. Der junge Mann hat ambitionierte Ziele: „Nach meinem Studium der Elektrotechnik möchte ich in die Politik gehen – und später Präsident von Argentinien werden. “ Eine Aussage, wie in Stein gemeißelt – und verkündet, ohne eine Miene zu verziehen.

Jorge Curima weiß, was er will. Mit 17 Jahren. Respekt. Diesen hat er sich in den vergangenen elf Monaten auch bei Gasteltern, Mitschülern und Lehrern verdient. Als Jorge Anfang Februar im Rahmen des Rotary-Austauschprogrammes für Schüler aus dem tropisch-heißen Grenzgebiet Argentiniens und Brasiliens in das bitterkalte Deutschland kam, hatte der Lateinamerikaner zunächst einmal einen Temperaturunterschied von satten 50 Grad Celsius zu überstehen. „Ich stieg in T-Shirt und Blazer aus dem Flieger – das war ein Schock. Und Schnee hatte ich auch noch nie in meinem Leben gesehen“, erinnert sich der Argentinier an seinen Start in Deutschland.

Heute, ein knappes Jahr später, sitzt Jorge entspannt und fröhlich im Pausenraum am Uelzener Lessing-Gymnasium und plaudert über seine Erfahrungen der vergangenen Monate. „Am 27. Dezember muss ich wieder zurück nach Argentinien“, erzählt Jorge. Die Betonung liegt auf „muss“. „Ja, es fällt mir schwer, Abschied von Deutschland zu nehmen“, räumt er ehrlich ein. „Als ich gekommen bin, konnte ich kein Wort deutsch. Jetzt beherrsche ich die Sprache gut, habe tolle Menschen und ein tolles Land kennengelernt. Ich finde Deutschland spitze, vor allem der Uelzener Weihnachtsmarkt mit dem täglichen Öffnen des Adventskalenders hat es mir angetan“, verspürt Jorge überhaupt kein Heimweh.

Das sieht Pilar Pesenti nicht ganz so unbefangen. „Ab und an plagen mich schon heimatliche Gefühle“, sagt die 17-jährige Italienerin. Sie ist als Austauschschülerin seit August diesen Jahres in Uelzen und besucht ebenfalls das Lessing-Gymnasium. „Am Anfang habe ich mindestens einmal in der Woche mit meiner innig geliebten Oma telefoniert. Mittlerweile hat sich die Frequenz auf einmal monatlich eingependelt.“ Dies sei auch gut so, meinen Jorge und Pilar übereinstimmend. „Unsere Gasteltern sagen immer, dass man sich auch von zu Hause lösen müsse, um hier in Uelzen richtig anzukommen und sich auf die Situation hier vor Ort auch einstellen zu können.“

Austauschschüler zu sein, sei super, ergänzt Jorge. „Du bist so eine Mischung aus Tourist und Einheimischer – aus beiden kannst Du Dir die Vorteile herauspicken. Herrlich und komfortabel.“ Das Leben als Austauschschüler sei deshalb lockerer als das „normale“ Schülerleben. „Weniger Stress und das gute Essen, speziell die tägliche Ration Schokolade – da nimmt man schnell zu“, hat Jorge am eigenen Leib beobachtet. Um trotzdem körperlich fit zu bleiben, spielt der Argentinier in einer Uelzener Basketballmannschaft.

Doch nicht nur sportlich, auch im Schulalltag sind die beiden Gäste bestens integriert. „Das liegt vor allem daran, dass wir die Sprache schnell gelernt haben. Wobei Pilar schon einen Wissensvorsprung hatte. „Ich besuche in Cremonese in der Lombardei ein Sprachgymnasium. Dadurch konnte ich schon ein wenig deutsch.“ Mittlerweile klingen Jorge und Pilar, als wäre deutsch ihre Muttersprache. Apropos Sprachen: Während der Argentinier neben seiner Heimatsprache spanisch noch englisch und deutsch beherrscht, bringt es Pilar sogar auf fünf Sprachen – italienisch, spanisch, französisch, englisch und deutsch! Da dürfte mancher gleichaltrige deutsche Schüler vor Neid erblassen...

Vor diesem Hintergrund ist es umso spannender, wie Jorge und Pilar die Unterschiede in den Schulsystemen wahrnehmen. „In Italien setzt die Schwerpunktbildung in den Fächern viel früher ein. In den letzten Jahren vor dem Abitur werden die Schüler ganz gezielt auf das selbstständige Lernen an der Universität vorbereitet. Es gibt wesentlich mehr Frontalunterricht als in Deutschland“, berichtet Pilar, die später als Kinderärztin „am liebsten in Deutschland arbeiten möchte“.

Für Jorge bleibt in Deutschlands Schulen im Vergleich zu Argentinien „der Praxisbezug, die direkte Konfrontation mit der Realität auf der Strecke“. Während in Deutschland mehr Formeln und Gleichungen in der Theorie an der Tafel gelernt werden, wird in Argentinien die erlernte Theorie auch in der Praxis ausprobiert. Jorge: „In Argentinien sprechen wir beispielsweise nicht nur theoretisch über Experimente, wir führen sie anschließend auch in der Praxis aus.“

Und noch einen großen Unterschied haben Pilar und Jorge im Vergleich zu ihren Heimatländern in Deutschland erlebt – es geht „natürlich“ um das Thema Pünktlichkeit. „Wir wurden vorher gewarnt, dass wir in Deutschland unbedingt immer pünktlich sein müssten“, erzählen die Austauschschüler schmunzelnd. „Und was passiert, als ich das erste Mal mit der Deutschen Bahn fahren möchte? Der Zug hat Verspätung“, lacht Pilar verschmitzt. „Am Anfang habe ich mich als gelassene Italienerin über die Deutschen amüsiert, dass sie auf Verspätungen so genervt reagieren. Mittlerweile stelle ich fest, dass ich ebenfalls schon genervt bin, wenn der Zug erneut nicht pünktlich ist.“

Was die unterschiedlichen Mentalitäten angeht, hat Jorge in der Zwischenzeit die „perfekte Mischung“ gefunden. „Mein jetziger Gastvater ist Finne – der ist genau das richtige Mittelding zwischen einem Argentinier und einem Deutschen.“

Von Andreas Becker

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