So veränderten baugleiche Marktcenter andere Städte

Mangelhafte Anbindung: Der Weg vom Marktcenter in die Lehrter Innenstadt führt an einem Bauzaun vorbei. Jetzt siedelt sich dort C&A an. Foto: Mitzlaff

Lehrte/Uelzen. Die erste Etage ist mittlerweile geschlossen, „wir mussten reagieren“, sagt Regina Rosenbaum. Seit 1876 ist das Geschäft in der Lehrter Fußgängerzone in Familienhand, vor fünf Jahren hat sich die Inhaberin spezialisiert. Weg von Textilien aller Art, jetzt gibt es im Erdgeschoss eine Riesenauswahl an Bettwäsche, die Kunden kommen von weit her für eine persönliche Beratung über die richtige Matratze.

Das traditionsreiche Bettenhaus musste sich neu ausrichten, als im Jahr 2005 am Rande der Innenstadt ein neues Marktcenter, die so genannte „Zuckerpassage“ eröffnete. Die Diskussion, die Uelzen jetzt führt über das Neubauprojekt auf dem ehemaligen Wochenmarktgelände, gab es in Lehrte schon vor sechs Jahren – und die beiden Projekte haben viele Parallelen.

So klagte auch die 22 000-Einwohner-Stadt östlich von Hannover über einen gravierenden Schwund an Kaufkraft. „Nicht nur aus der Stadt selbst, auch aus dem Umland blieben die Menschen weg“, schildert Achim Gückel, Mitarbeiter der in Lehrte ansässigen Nordhannoverschen Zeitung. Dann gab es erste Überlegungen, auf dem ehemaligen Zuckerfabrikgelände am Rande der Innenstadt ein Marktcenter zu schaffen. „Die Händler waren anfangs in zwei Lager gespalten, man fürchtete ein weiteres Ausbluten der Innenstadt“, erinnert sich Gückel. Denn das Grundstück schließt sich nicht unmittelbar an die Fußgängerzone an, die knapp 200 Meter entfernten Innenstadt-Geschäfte sind nicht einmal zu sehen, weil ein Holzzaun die Sicht versperrt.

Schließlich wurde gebaut, der Lübecker Investor HBB, der am 11. April auch im Uelzener Stadtrat den Zuschlag bekommen soll, errichtete die „Zuckerpassage“. Ein großer Supermarkt und ein Elektro-Fachgeschäft sind wie in Uelzen die Zugpferde. Allein der riesige Edeka-Markt mit seinen zehn Kassen zieht die Menschen aus dem Umland in Scharen an – er hat die Kaufkraft in Lehrte gebunden, ist man sich unter den Innenstadt-Kaufleuten weitgehend einig. Und die Parkplätze sind kostenlos – wie auch in Uelzen geplant.

Doch manche Geschäfte in der Lehrter Innenstadt litten in der Anfangsphase unter dem neuen Center. „Da wurde offenkundig, dass es in der City doch vielerorts krankte und manche Händler es seit Jahrzehnten schleifen ließen“, sagt Journalist Gückel. Zwei Schlachter, eine Buchhandlung, eine Reinigung und eine Apotheke machten unter anderem dicht. Doch andere reagierten, stellten sich neu auf. „Guter Service, individuelle Beratung, das funktionierte“, schildert der Zeitungsmitarbeiter.

Mittlerweile sei es in den Köpfen der Kundschaft angekommen, dass es um die Ecke noch mehr gibt als die „Zuckerpassage“. „Wir können nicht klagen, wir haben unsere Stammkundschaft“, heißt es auch im Schuhgeschäft Rheingold, ebenfalls seit Jahrzehnten in Lehrte ansässig: „Die Kundschaft schätzt unsere Beratung“, sagt die Geschäftsführerin.

Kritik gibt es vom Handel allerdings an der ungenügenden Anbindung des Centers. „Da hat die Politik geschlafen und zu wenig getan“, sagt Ulrich Henschel, der als Inhaber eines Spielzeuggeschäfts über 20 Prozent Umsatzeinbuße klagt.

Doch dass Lehrte insgesamt Kaufkraft zurückgewonnen hat, spricht sich herum unter den großen Filialisten. Und die seit Jahren bestehende Baulücke zwischen der „Zuckerpassage“ und der Innenstadt kann deshalb noch in diesem Sommer geschlossen werden – mit C&A wird sich dort ein weiteres Zugpferd ansiedeln. Für eine Kleinstadt im Schatten Hannovers sei das ein großer Erfolg, findet Gückel. Lehrte habe eine Chance ergriffen und das werde nun belohnt. Bauherr ist übrigens wieder die Lübecker HBB.

Auch der Handel hofft, dass die Neuansiedlung Lehrte weiter voranbringt. „Aber man muss sich eben auch aufstellen für eine solche Situation und das haben wir gemacht“, sagt die Inhaberin des Bettenhauses. Zwar ist Rosenbaum nicht mit allen Umsetzungsdetails der „Zuckerpassage“ zufrieden – „aber für unsere Stadt an sich war das eine gute Entscheidung“, sagt sie.

Von Thomas Mitzlaff

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