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"Denkmäler zerstören? Die Geschichte werden wir trotzdem nicht los!"

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Gerhard Sternitzke

Erst hat man sie vergessen, dann wurden sie zum Ärgernis: Ein engagierter Ratsherr stellt die vom Ebstorfer Volksmund Vergissmeinnicht-Steine getaufte Denkmalanlage in Frage.

Auf den „Müllhaufen der Geschichte“ will Hans Peter Hauschild das Mahnmal werfen, weil ihm plötzlich aufgefallen ist, dass neben dem geteilten Berlin und den verlorenen Ostprovinzen auch Danzig-Westpreußen, Warthegau und Sudetenland aufgeführt sind. Die Mitglieder des Kulturausschusses haben in weiser Zurückhaltung gegen eine Zerstörung oder Umgestaltung der Anlage gestimmt.

Grundsätzlich ist festzustellen: Die heute Lebenden sind nicht für die politischen Aussagen alter Denkmäler verantwortlich. Auch das „Für Volk und Vaterland“ der Kriegerdenkmäler aus dem Kaiserreich teilen wir nach der Erfahrung zweier Weltkriege nicht mehr. Die in vielen Orten gepflanzten Bismarck-Eichen reißen uns zu keinen Begeisterungsstürmen für den Reichsgründer mehr hin. Dass ein Denkmal nicht mehr „zeitgemäß“ ist, wie von Hauschild betont, geht völlig an der Sache vorbei. Denkmäler dürfen vergessen werden, aber sie um des Zeitgeists willen abzureißen, ist verantwortungslos.

Und töricht. Denn die Geschichte, für die sie stehen, die deutsche Schuld aus der Nazi-Barbarei werden wir ja nicht los, indem wir Steine abreißen. Oder Straßen umbenennen wie im Fall der Uelzener Farinastraße. Auch in diesem Fall konnte die Geschichte bekanntlich nicht rückgängig gemacht werden. Statt Geschichte solcherart zu manipulieren, sollte eher über die Hintergründe von Steinen und Straßennamen informiert werden.

Im Falle der Vergissmeinnicht-Steine ist auch die Behauptung unhaltbar, hier wehe noch der Geist der Nazi-Zeit. Auch wenn wir selbstverständlich nicht in die Köpfe derer schauen können, die das Mahnmal 1953 eingeweiht haben – sie brachten den Schmerz um den Verlust der Heimat und die deutsche Teilung zum Ausdruck. Wer diese Erinnerung durch den Abriss eines Denkmals oder womöglich durch die Umbenennung von Straßen auslöschen will, verhöhnt die Flüchtlinge und Vertriebenen, die auch in Ebstorf eine zweite Heimat fanden. Im Übrigen: Obwohl Danzig-Westpreußen, Warthe- und Sudetenland unrechtmäßig annektiert wurden, kamen auch von dort Deutsche, die ihre Heimat verloren hatten.

Sie haben eine neue Heimat gefunden. Deutschland hat den Gebietsverlust anerkannt, sich mit Polen ausgesöhnt. Die Geschichtsdenkmäler gleichzuschalten, ist überflüssig.

Von Gerhard Sternitzke

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