Kunst oder sexistische Stadtverschandelung? Bild an Hauswand in Dannenberg sorgt für Wirbel

Das Dekolleté von Sophia Loren

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Dieses Wandgemälde von Sophia Loren, das der vor kurzem verstorbene Künstler Giorgio Birgini in der Dannenberger Innenstadt anfertigte, sorgt zurzeit für große Aufregung.

rg Dannenberg. Wer nicht genau hinschaut, der könnte meinen, an einem Fenster eines Backsteinbaus an der Münzstraße in Dannenberg stünde im ersten Stock tatsächlich eine junge Frau und blicke auf das Treiben in der Innenstadt.

Doch ein zweiter Blick enthüllt: Nein, es ist ein Bild. Und dieses zeigt die junge Sophia Loren in einer Szene aus einem US-Film von 1958.

Auf die Fensterbank gelehnt, blickt sie stolz und erhobenen Hauptes mit schwarzer Wallemähne und tiefem Dekolleté hinaus. Hinter ihr hängen Negligee und Korsage auf einer Wäscheleine. Ein Bild, das der Dannenberger Künstler Giorgio Birgini malte. Es ist seine letztes vollendetes Werk – er kam vor wenigen Wochen bei einem Autounfall ums Leben.

Dieses Bild sorgt in Dannenberg nun für Wirbel. Weil es, so meint zumindest Stadtratsmitglied Maren Ramm (Grüne), möglicherweise sexistisch oder gar frauenfeindlich ist. Und darum beauftragte Ramm die Stadtverwaltung, zu prüfen, ob man gegen das Bild vorgehen könne. Ob es möglicherweise gegen die geltende Baugestaltungssatzung der Innenstadt verstoße.

„Wir wurden gebeten, das zu prüfen, und dem kommen wir natürlich erst einmal nach“, sagt Dannenbergs Bauamtsleiter Jens Hesebeck. Dabei sei es unerheblich, ob das nun ein Ratsmitglied sei, das meint, etwas verstoße gegen die Baugestaltungssatzung, oder eine Privatperson.

Deutlicher wird da Harro Lindemann. Der Dannenberger Unternehmer ist Eigentümer des Hauses und Auftraggeber des Sophia-Loren-Gemäldes. „Dort war vorher ein zugemauertes Fenster, was nun wirklich nicht schön aussah“, beschreibt er seine Motivation, dort Giorgio Birgini tätig werden zu lassen. Die Idee, eine Szene aus einem Sophia-Loren-Film für das Fensterbild zu nehmen, habe der Künstler gehabt, so Lindemann, und er sei davon schlichtweg begeistert gewesen.

Und so legte Birgini los. „Seit das Bild dort zu sehen ist, bekomme ich ausschließlich positive Reaktionen, den Leuten gefällt, was sie sehen. Es werden Fotos gemacht. Man spricht darüber“, freut sich Lindemann. Dass seine Sophia Loren irgendjemanden stören könnte – auf diese Idee sei er bislang gar nicht gekommen. „Es ist ja nicht so, dass sich da irgendein Pornosternchen nackt am Fenster rekelt, sondern man sieht eine bekleidete Frau, die sich auf die Fensterbank lehnt. Ein tolles Bild. Und wenn man so will: ein Denkmal für Giorgio Birgini.“

Möglicherweise werde er das ganze Haus nach ihm benennen, überlegt der Dannenberger. Im Inneren könnten auch weitere Werke zu sehen sein. „Darüber denken wir noch nach“, sagt Lindemann. Mit weiteren Bildern an der Außenfassade sei jedoch nicht zu rechnen: „Es ging dabei lediglich um das eine Blindfenster, mehr nicht.“ Das Bild werde er allerdings nicht freiwillig entfernen. „Da lass ich es drauf ankommen“, betont er.

Ob es allerdings überhaupt zu einer wirklichen Auseinandersetzung über das Bild kommt, sei fraglich, glaubt zumindest Stadtrats- und Bauausschussmitglied Kurt Herzog: „In diesen Männer-dominierten Gremien wird das sicherlich keine Mehrheit finden“, glaubt er. Er kenne das Bild zwar nicht, habe aber Verständnis für die Bedenken, die seine Ratskollegin Maren Ramm habe. „Ich finde schon, dass man zumindest darüber reden sollte, ob ein solches Bild wirklich in unsere Innenstadt gehört“, sagt Herzog.

Mittlerweile hat Ramm den Prüfauftrag an die Verwaltung aber zurückgezogen. Im Internet war ein „Shitstorm“ über sie hereingebrochen. Sie hatte harsche Kritik einstecken müssen, sah sich dem Vorwurf der der Zensur ausgesetzt. Geprüft hatte die Stadt da aber schon. Ergebnis: Es gibt keine Regelungen, die einem solchen Bild entgegenstünden, heißt es aus dem Rathaus.

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