Uelzens Kreislandwirt Thorsten Riggert äußert sich im AZ-Interview zu den Soforthilfen des Bundes für die Milchbauern

Kreislandwirt: „Das Paket ist lachhaft“

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Kreislandwirt Thorsten Riggert befürchtet ein massives Höfesterben aufgrund des Preisverfalls bei Milch und Fleisch.

Uelzen/Landkreis. Die Landwirte kämpfen um ihr Überleben und ihren guten Ruf. Die Milch- und Fleischpreise sind im Keller. Auch über den Einsatz von Glyphosat wird kontrovers diskutiert.

Am Tag des offenen Hofes am Sonntag, 12. Juni, von 10.30 bis 17 Uhr bei Familie Meyer in Bargfeld wollen sich die Landwirte der Öffentlichkeit präsentieren. Zuvor hat AZ-Volontär Lars Lohmann mit Kreislandwirt Thorsten Riggert über die aktuelle Situation der Bauern gesprochen.

AZ: Die Milch- und Fleischpreise sind im Keller. Macht es überhaupt noch Spaß, Landwirt zu sein?

Riggert: Wenn man das auf den Preis bezieht, muss man sagen: Nö. Weil es momentan so ist, dass bei der Schweinehaltung mit Ausnahme von einem halben Jahr in den vergangenen drei Jahren kein Geld zu verdienen ist. Jetzt ist es bei der Milch genauso. Die Problematik ist, dass es mal ein halbes Jahr bei solchen Preisen gut gehen kann. Das ist das Risiko, das man als Unternehmer hat. Aber wenn der Milchpreis drei Jahre lang bei 22 Cent rumdümpelt, man aber eigentlich 35 braucht, dann machen sie drei Jahre lang jeden Monat 8000 Euro Miese. Das kann man auf Dauer einfach nicht auffangen.

Kann die Soforthilfe des Bundes den Milchbauern überhaupt helfen oder ist sie nur eine lebensverlängernde Maßnahme?

Das Paket ist lachhaft. Wenn man die Summe von 100 Millionen Euro einfach durch die 100 000 Milchviehhalter teilt, sieht man schon, dass niemandem damit geholfen ist.

Was müsste geschehen, um die Landwirte zu unterstützen?

Wir müssen langsam mal das Rad zurückdrehen und auf einen gesunden Standard kommen. Die Auflagen und Regularien stehen uns bis zur Decke. Die Politik hat viele Möglichkeiten. Zum Beispiel könnten die Erlasse in Niedersachsen zur Lagerung der Silage und Gülle zunächst ruhen. Kaum ein Betrieb hat genug mit Bodenplatten ausgebaute Lager für Mist oder Silage. Und wenn die jetzt gebaut werden müssen, reicht es ja nicht einfach, die Platten zu verlegen. Ein Behälter für Regenwasser und anderes muss gebaut werden. Da müsste ein 80-Kuh-Betrieb mal eben 200 000 Euro investieren. Bei den Preisen, die jetzt herrschen, ist das unmöglich. Man kriegt keinen Kredit und kann dem Kontrolleur vom Amt dann gleich den Schlüssel vom Betrieb mitgeben und dicht machen.

Gibt es überhaupt noch eine Zukunft für kleine landwirtschaftliche Betriebe oder stehen wir vor einem Höfesterben, wo am Ende nur noch die Großen überlebensfähig sind?

Das Höfesterben wird massiv weitergehen. Das hat bei den Sauenhaltern angefangen und geht jetzt bei den Milchviehhaltern weiter. Für die Viehhaltung sehe ich eher schwarz, beim Ackerbau bin ich optimistischer. Auch viel größer können die Höfe nicht werden, weil ein 500-Kuh-Betrieb eigentlich so effizient wie einer mit 1200 ist. Denn dort brauchen sie mehr Flächen für Futter, haben weitere Wege und brauchen mehr Personal. Das kostet und frisst den Großteil der Mehreinnahmen gleich wieder auf.

Kann der Verbraucher etwas an den Preisen ändern?

Der Verbraucher könnte bewusst nachfragen, wo denn sein Produkt herkommt. Das Problem ist aber, dass niemand erkennen kann, wo das Produkt wirklich herkommt. Da steht zwar am Ende Deutschland, aber eigentlich hat man die Ware hier nur umgepackt. Wo bei der Fertigpizza die Salami oder der Käse herkommen, weiß doch keiner. Außerdem haben wir alles im Angebot: von „Bio gestreichelt“ bis konventionell. Aber seit Jahren ist der Sondermarkt für teurere Produkte gleichgeblieben. Wir produzieren zum Beispiel für den Deutschen Tierschutzbund. Der hat eine Million Mitglieder. Wenn nur die Hälfte davon einmal die Woche dieses Fleisch kaufen und essen würde, müssten wir 150 000 Schweine im Jahr verkaufen. In der Realität sind es aber keine 10 000. Und das Einzige, das im Biogeschäft wächst, sind Lidl, Aldi und Co. Die sind billig, da kann kein Produzent in Deutschland mithalten. Die kaufen nicht beim Elbers-Hof in Nettelkamp, sondern in China ein.

Nicht nur die Preise machen den Landwirten zu schaffen, sondern auch der Einsatz von Glyphosat ist bei Teilen der Bevölkerung umstritten.

An Glyphosat soll ein Exempel statuiert werden. Das Bundesamt für Risikoforschung hat das Mittel bewertet und untersucht. Das Ergebnis: Glyphosat ist das unbedenklichste Pflanzenschutzmittel, das wir haben. Wenn ich schaue, was bei der WHO nicht krebserregend ist, findet sich nicht viel. Sonnenlicht ist übrigens auch krebserregend. Warum dann auch noch die Landwirte am Galgen aufgeknüpft werden, verstehe ich nicht. Wir benutzen nur Mittel, die zugelassen sind. Das wäre so, als wenn ich einen Autofahrer an den Pranger stelle, weil er einen VW mit Schummel-Software fährt. Da ist doch auch klar: Volkswagen ist daran schuld und denen muss man Fragen stellen. Bei uns hingegen sind es die Landwirte, aber nicht die Hersteller. Es geht doch keiner zu BASF und fragt: „Warum ist das Mittel XY im Grundwasser gelandet?“ Nein, da geht man zum Landwirt, der sich auf Zulassung und Tests verlassen muss. Da sind wir dann die Arschlöcher.

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