Von Woche zu Woche

Darf man so ein Foto zeigen?

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An diesem Strand wurde der kleine Junge gefunden.

Ein kleiner Junge liegt auf dem Bauch am einsamen Strand. Sein rotes T-Shirt ist klitschnass. Er ist tot. Eines von zig Kindern, die die Flucht über das Mittelmeer nicht überlebten. Es ist ein Bild, das einem das Herz zerreißt.

Und während dieses Foto um die Welt geht, im Internet tausende Kommentare zu lesen sind, muss sich eine Zeitung fragen lassen, ob sie denn eine solche Aufnahme drucken muss; ob es wirklich nötig ist, dieses Kind am Strand in seiner ganzen Schutzlosigkeit noch einmal schutzlos zu zeigen, beraubt seiner Würde und seines Lebens.

Solche Diskussionen werden in letzter Zeit des öfteren geführt auch in den Räumen von Lokalredaktionen, oder vielmehr gerade da. Denn wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber dem Leser. Wir sind kein anonymes Blatt, mit einer Redaktion fernab von der Leserschaft. Wir leben hier, wir sind hier Mitglied in Vereinen, haben hier unsere Freunde und wir müssen uns direkt vor Ort die Frage gefallen lassen, ob man ein solches Foto dem Leser zumuten kann; etwa dem eigenen Kind, das womöglich die Zeitung durchblättert auf der Suche nach seinem Sportbericht.

Zuletzt haben wir diese Diskussion so intensiv geführt beim Absturz der German Wings-Maschine in den französischen Alpen. Damals haben wir, im Gegensatz zu vielen anderen Zeitungen, das Portraitbild des Piloten, der diesen Absturz verursacht hat, nicht gezeigt. Weil wir der Meinung waren, dass so ein Foto nichts beitragen kann zur Erklärung, zur Aufklärung einer solchen Tragödie.

Im Fall des dreijährigen syrischen Jungen haben wir anders entschieden. Denn dieses Foto ist ein Zeitdokument. In Wochen, in denen Bilder über Flüchtlingsströme in Ungarn und München schon zum Alltag zu gehören scheinen, in denen gesunkene Flüchtlingsboote mit Dutzenden Toten mancherorts offenbar nur noch achselzuckend zur Kenntnis genommen werden, ist das Bild eines kleinen Jungen am einsamen Strand eine Aufnahme, die aufrüttelt, die die ganze Hilf- und Hoffnungslosigkeit der Menschen zeigt. Es ist ein Foto, das schockiert, fassungslos, verzweifelt und auch wütend macht. Wütend auf das Versagen der Politik, verzweifelt angesichts der Tatsache, dass auch der fünfjährige Bruder starb, schockiert angesichts des Umstandes, wie grauenvoll diese Kinder gestorben sind.

Es ist beschämend, dass so ein Foto gezeigt werden muss, um Menschen überhaupt noch aufzurütteln in Zeiten, in denen bei uns Flüchtlingsheime brennen und nicht jeder sich klar davon distanziert; in Zeiten, in denen vor Asylheimen dumpfe Parolen geschrien werden und manche dazu noch Beifall klatschen.

Ein dreijähriger Junge liegt am Strand, qualvoll ertrunken. Er ist ein Symbol für die Verantwortung unserer Gesellschaft. Deswegen haben wir sein Schicksal gezeigt. Auch wenn man darüber durchaus anderer Meinung sein kann.

Von Thomas Mitzlaff

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