Nach einem Suizidversuch wird Matthias L. aus Uelzen in der Psychiatrischen Klinik behandelt

Burnout: „Für mich ist ständig Regen“

Frische Luft und Therapien helfen Matthias L. (Name geändert) weiter. Der 29-Jährige hat seinen tiefsten Punkt hinter sich. Nach einem Suizidversuch kam er in die Psychiatrische Klinik. Seitdem geht es mit ihm wieder bergauf. Aber er muss weiter daran arbeiten, dass er sich traut, „nein“ zu sagen. Foto: Baatani

Uelzen. Er hat die Beine überschlagen, den Fuß angezogen. Wenn Matthias L. (Name geändert) spricht, hält er dem Blick seines Gegenübers stand. Sein Blick ist ernst und distanziert, es dauert eine Weile, bis das Eis bricht und er ein Lächeln erwidert.

Der 29-Jährige wird seit acht Wochen wegen „Burnout“ in der Psychiatrischen Klinik in Uelzen behandelt. „Burnout“ gilt als Volkskrankheit: Im Jahr 2010 wurden nach Angaben der Betriebskrankenkassen zwölf Prozent aller Krankschreibungen wegen psychischer Probleme ausgestellt.

Im vergangenen Herbst hat Matthias L. versucht, sich das Leben zu nehmen – über seinen psychischen Tiefpunkt kann er erst seit der Therapie sprechen, bekennt er.

„Für mich ist ständig Regen“, erinnert er sich an die Monate vor seinem Klinik-Aufenthalt. „Ich konnte mich über gar nichts mehr freuen, ich konnte keinen Tag wirklich genießen und war immer mit dem Kopf woanders.“ Er habe sich antriebslos gefühlt und sei ständig müde gewesen. Wenn er dann abends im Bett lag, konnte er nicht schlafen.

Im März vergangenen Jahres hat der zweifache Familienvater aus dem Landkreis Uelzen eine leitende Position in einer Firma übernommen. Die neue Aufgabe beansprucht ihn stark: „Es war eine Belastung für mich, weil ich nicht so einen hohen Stresslevel abkann“, berichtet er. Im Nachhinein ärgert er sich, dass er das Angebot der Beförderung nicht abgelehnt habe. Dass er nicht „nein“ sagen konnte, weil er Angst vor den Folgen hatte. „Ich war eigentlich immer so ein Ja-Sager“, ist Matthias L. nun bewusst. In der Klinik hat er gelernt, über seine Erlebnisse zu sprechen, seine Gefühle zu formulieren und ebenso seinen Krankheitsverlauf.

Die gestiegenen Anforderungen am Arbeitsplatz und daheim das Familienleben wurden ihm zuviel. „Ich hatte kein Bild mehr von der Zukunft, weder privat noch beruflich“, schildert der Uelzener seine Depression. Der antriebslose Zustand wurde immer schlimmer, bis sich der junge Vater im darauffolgenden Juni entschieden hat, sich von seiner Familie zu trennen. Er zog um, lebte allein, konzentrierte sich nur noch auf die Arbeit – und hatte ein paar Wochen lang den Eindruck, dass es ihm besser geht, sagt er.

Doch dann kam das tiefe Loch. Genau das Gegenteil trat ein. Seine Probleme konnte Matthias L. nicht in Worte fassen. „Ich habe immer nur gesagt, es geht mir schlecht. Ich wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte.“ Wenn der 29-Jährige nicht bei der Arbeit war, „versteckte“ er sich Zuhause, schildert er. „Anfang Oktober hat es sich so zugespitzt, dass ich grundlos angefangen habe zu weinen, auch bei der Arbeit.“

Der gebürtige Uelzener ließ sich krankschreiben. Sein Arzt untersuchte ihn, stellte keine physischen Erkrankungen fest. Gegen die Schlafstörungen ließ sich Matthias L. Tabletten verschreiben. Drei Wochen lang wollte er sich daheim auskurieren und dann wieder weiterarbeiten.

Ein Sonntag im November: „Ich habe den ganzen Tag geweint, von morgens bis abends“, beschreibt der Patient den schwärzesten Tag in seinem Krankheitsverlauf. Er wusste sich nicht mehr zu helfen. Dann griff er zu den Schlaftabletten, die ihm der Arzt verordnet hatte und nahm sie alle auf einmal ein.

Dass der schlanke mittelgroße Mann immer erreichbar ist und grundsätzlich zurückruft, wenn er mal nicht an sein Handy gegangen ist, hat ihm an dem Tag das Leben gerettet. Denn als er auf Anrufe nicht reagierte, wurde seine Mutter unruhig. „Meine Mutter hat das wohl gespürt, sie stand zehn Minuten später vor der Tür. In dem Moment habe ich schon bereut, welchen Schritt ich gegangen bin.“

Doch mit dem Schritt kam die Wende. Matthias L. wurde in die Notaufnahme des Klinikums Uelzen gebracht, zwei Tage später in die Psychiatrische Klinik „überführt“, betont er, denn Fluchtmöglichkeiten hätte es auf dem Weg gar nicht gegeben. „Ich hatte ein bisschen Angst vor der Psychiatrischen Klinik.“ Und er habe damit Schwierigkeiten gehabt, weil er sich noch genau erinnern kann, welche Synonyme er für die Psychiatrische Klinik zuvor selbst verwendet habe. „Das Schubladendenken von der Irrenanstalt ist total falsch“, weiß er jetzt. Dass bei seiner Ankunft nur ein Bett auf der Station für Suchtkranke frei war, war für den jungen Vater zusätzlich „sehr beängstigend“. Nach neun Tagen gab es einen Platz auf der tiefenpsychologischen Station und Matthias L. wurde dorthin verlegt.

Depression, Burnout und Angststörungen wurden bei ihm diagnostiziert. Als er noch im Oktober einen Zeitungsartikel über Burnout las, habe er sich zum Teil darin wiedererkannt. Aber zu sagen, „ich habe Burnout“, das habe er bis zum Klinikaufenthalt nicht geschafft. Seit er mit den Therapien begonnen hat, verarbeitet er ein Trauma aus der Kindheit, sagt er. Als er sieben Jahre alt war, hat er seine kleine Schwester verloren. „Ich konnte nie darüber sprechen, und ich hab nie gelernt mit Problemen umzugehen.“ Darin begründe sich auch die „Burnout“-Erkrankung. Er lerne nun, auf sich selbst zu achten. Und so nennen sich auch die Hausaufgaben, die ihm aufgetragen wurden: Achtsamkeitsübungen. Am Wochenende darf er nach Hause in seine Wohnung, das nennt sich Belastungsurlaub. Dann unterhält er sich mit Freunden und trainiert Entspannungsübungen.

Und manchmal muss er auch in die Stadt gehen, andere Passanten zum Beispiel nach der Uhrzeit fragen – „das hätte ich vorher nie gemacht“. Mittlerweile falle es ihm aber leicht. Aber ein Problem sei bislang noch geblieben: Mit Autoritäten könne er nicht umgehen. „Gerade stehen, das gibt Kraft“, und so übt sich Matthias L. auch darin.

Gefühle, Dinge, die ihn stören, die ihm Angst machen, Freude und Traurigkeit spricht er zum Beispiel in einer großen Gruppe von Patienten an. Genau das sei es auch, weshalb viele sehr an dem – meistens sechswöchigen – Klinikaufenthalt hängen: „Weil hier viel über Gefühle gesprochen wird, ist es sehr verlockend.“ Die Menschen, die mit ähnlichen Diagnosen therapiert werden, sind ihm somit sehr nah geworden.

Aber nun ist die Zeit in der sogenannten „Käseglocke“ vorbei. Matthias L. darf wieder nach Hause und muss dort weiter an sich arbeiten. Was kommt dann? „Erst einmal Zuhause ankommen. Ich kann es noch nicht einschätzen, ich habe ein bisschen Angst, aber die Freude überwiegt.“

Ambulant wird Matthias L. weiterhin betreut, alle zwei bis drei Wochen gibt es Gruppengespräche, bis er einen Therapeuten gefunden habe. Aber das könne bis zu einem halben Jahr dauern, weiß er. Zunächst bleibt er krankgeschrieben, aber künftig möchte er nicht wieder in die Leitungsposition zurück, soviel ist sicher: „Das ist mit sehr viel Stress verbunden, ich habe Angst, in meine alten Muster zu verfallen.“ Denn jetzt gehe es darum, dass er tut, was er möchte.

Und trifft er seine Familie wieder? „Ich möchte nicht, dass meine Kinder mich so sehen“, sagt Matthias L., „ich möchte stark genug sein. Das ist ein Grund, nicht nur an mich zu denken, sondern auch an meine Kinder.“

Von Diane Baatani

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