Eheleute erheben schwere Vorwürfe gegen Uelzener Postboten

Brief auf Toilette zugestellt

Claudia P. mit dem Einschreiben, das ihr viel Aufregung bescherte – die Post schickte mittlerweile eine Entschuldigung.

Uelzen. Ein Postbote hat in Uelzen einer behinderten Frau ein Einschreiben auf der Toilette zugestellt. Nach Angaben der 44-Jährigen war der Bedienstete ohne anzuklopfen in das Badezimmer gekommen, sie habe sich schnell ein Handtuch über den Schoß gelegt, um sich zu bedecken, erklärte die schockierte Frau gegenüber der Allgemeinen Zeitung Uelzen (AZ).

Zuvor hatte der Ehemann den Postboten in den Flur der Wohnung gelassen. Er zeigte sich empört über das Verhalten des Boten und hat einen Anwalt eingeschaltet. Die Deutsche Post AG bestritt in einer ersten Stellungnahme, dass ihr Angestellter überhaupt das Bad betreten habe. Später räumte ein Sprecher die „Zustellung“ auf der Toilette dann ein – allerdings sei sie im Einverständnis mit dem Ehemann erfolgt.

Claudia P. am Fenster ihres Wohnzimmers: Ihre Identität möchte sie nicht preisgeben, der Vorfall ist ihr peinlich.

Die Eheleute weisen diese Darstellung entrüstet zurück. Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Karl Finke, sprach von einem „Verstoß gegen die Menschenwürde“.Der Vorfall ereignete sich am Dienstag kurz nach 12 Uhr im Uelzener Norden. Claudia P. - ihren richtigen Namen möchte sie aus Scham in der Öffentlichkeit nicht nennen – saß gerade auf der Toilette, als der Postbote klingelte. Bei der 44-Jährigen war im Jahr 2009 die Krankheit Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert worden. Ihren Beruf musste sie aufgeben, mittlerweile ist sie schwerbehindert und ein Pflegefall. Ihr Mann Ulrich stieg vor zwei Jahren aus dem Familienbetrieb aus, um sich ganz um seine kranke Frau kümmern zu können.

Ulrich P. öffnet die Tür, der Postbote hat ein Einschreiben für seine Frau dabei. Er wird in den Flur gebeten und erklärt, dass er den Brief nur persönlich aushändigen dürfe. Das Badezimmer befindet sich hinter der Küche, die Tür ist nur angelehnt, damit Claudia P. Im Notfall ihren Mann um Hilfe rufen kann. „Nimm du den Brief doch an“, ruft sie ihrem Mann zu.

Durch die angelehnte Tür ging der Postbote ins Badezimmer.

Der Postbote lehnt nochmals ab und will den Brief wieder mitnehmen. Es kommt zu einem Wortgefecht, dann, so schildert Ulrich P. später, sei der Briefträger plötzlich durch die Küche ins Badezimmer gegangen. Seine Ehefrau habe sich notdürftig mit einem Handtuch den Schoß bedeckt, darauf habe der Postbote die Empfangsbestätigung gelegt und sich dann unterschreiben lassen. Dann habe er in der Küche dem Ehemann den Brief in die Hand gedrückt und habe die Wohnung verlassen.Ulrich P. ruft umgehend die Hotline der Deutschen Post an, um sich zu beschweren. „Es ist eine Unverschämtheit, dass meine Frau auf der Toilette ein Einschreiben entgegen nehmen musste“, sagt er. Die Deutsche Post bestritt in einer ersten Stellungnahme am Mittwoch den Vorfall. Der Postbote habe gesagt, die Frau sei normal bekleidet aus der Toilette in den Flur gekommen und habe dort das Einschreiben in Empfang genommen, erklärte ein Sprecher gegenüber der AZ. Doch diese Darstellung konnte nicht stimmen. Denn die 44-Jährige wäre wegen ihrer Erkrankung gar nicht in der Lage gewesen, sich selbst anzuziehen und durch die Küche bis in den Flur zu gehen. „Ich wäre so froh, wenn ich das noch könnte“, sagt sie gegenüber der AZ.

Damit konfrontiert, korrigierte die Post gestern ihre Darstellung: Der Briefträger sei doch im Bad gewesen, allerdings auf Aufforderung des Ehemanns. Und Claudia P. habe vollständig bekleidet auf der Toilette gesessen, als ihr der Brief ausgehändigt wurde. Eine Schilderung, die die Eheleute empört. „Wer fordert einen wildfremden Mann dazu auf, zu seiner Ehefrau auf die Toilette zu gehen, das ist doch völlig lebensfremd“, sagt Ulrich P. Durch diese Erklärung sei seine Frau „ein zweites Mal misshandelt worden“.

Die Eheleute hatten intensiv überlegt, ob sie den Vorfall öffentlich machen sollen. „Wir haben eigentlich genug damit zu tun, den Alltag zu bewältigen“, sagt Ulrich P. Aber die Empörung über Erniedrigung seiner Frau sei einfach zu groß. „Sie war stundenlang völlig verstört“. Solche Grenzüberschreitungen in die Öffentlichkeit zu bringen, sei wichtig, sagt dazu Karl Finke, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen: „Die Intimsphäre eine Frau so zu verletzen, ist eine Form körperlicher Gewalt und solche Grenzüberschreitungen müssen bekannt werden“. Man könne andere Frauen vor solchen Übergriffen nur schützen, wenn man solche Vergehen anspreche, statt sie unter den Teppich zu kehren.

Claudia P. hat unterdessen am Donnerstag einen Brief von der Post bekommen. Man habe den Mitarbeiter „auf ein korrektes Verhalten hingewiesen“, heißt es darin.

Von Thomas Mitzlaff

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