Verspielte Architektur: Das Schillerviertel entstand Ende des 19. Jahrhunderts

Brauerei „thronte“ einst über der Stadt

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An der St.-Viti-Straße erinnert nur die langgezogene Mauer noch an die Brauerei. Uwe Buchholz kann nicht verstehen, dass die Brauerei heute nicht mehr steht. Er kennt das Schillerviertel aus dem Effeff: Sein Leben lang schon wohnt er an der Schillerstraße.

Uelzen. Für Uwe Buchholz ist es auch nach gut 40 Jahren nicht zu verstehen. „Wie konnte man zulassen, dass ein solches Gebäudeensemble verschwindet?“, fragt er ungläubig. „Es war fantastisch. “ Der Uelzener blickt in Richtung des großen Edeka-Marktes an der St. -Viti-Straße.

Wo nun Obst, Gemüse, Fleisch, Getränke und allerlei mehr verkauft wird, stand einst die Uelzener Brauerei.

Uwe Buchholz kann sich noch gut an die Gebäude erinnern. Er hatte in der Brauerei als junger Bursche gelernt und dann bis 1970 in dem Betrieb auch gearbeitet. „Der ganze Bereich war aufgeschüttet, denn unter den Gebäuden befanden sich die Bierkeller“, erzählt er. Wenn man so will, thronte die Brauerei über der Stadt. Bei sich zu Hause hat er ein Bild von der Brauerei hängen. Uwe Buchholz hat es selbst gemalt, um eine Erinnerung an den Betrieb zu haben. Eine Fotografie habe er damals nicht von der Anlage gemacht, was er heute bereut. Denn vom Gebäudeensemble ist nichts mehr zu entdecken. Nachdem die Brauerei Anfang der 1970er-Jahre geschlossen worden war, fiel sie schließlich den Flammen anheim. „Sie brannte kontrolliert unter Beisein der Feuerwehr ab“, sagt der Uelzener.

Es entstand der Platz für den heutigen Lebensmittelmarkt. Das Verschwinden der Brauerei gehört zu den größten Veränderungen in diesem Stadtgebiet. Wenngleich der Bahnhof nicht weit entfernt liegt – er wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört – blieben die Häuser rund um die Schillerstraße von Bombenangriffen verschont. Das Stadtviertel, so weiß Uwe Buchholz zu erzählen, entstand peu à peu Ende des 19. Jahrhunderts. Das Viertel ist geprägt von verspielter Architektur, bei der es viele Details zu entdecken gibt. Der Rentner selbst lebt sein Leben lang schon an der Schillerstraße. Seit drei Generationen besitzt dort seine Familie ein Haus, das einst die Großmutter 1914 erwarb. Zu dieser Zeit stand bereits die wuchtige Schule, die einst als Gymnasium erbaut wurde und die heute die Theodor-Heuss-Realschule beherbergt.

Der 1938 geborene Uelzener kennt die Geschichten der Häuser an der Schillerstraße und den umliegenden Straßen. Er weiß von den Menschen zu berichten, die in den vergangenen Jahrzehnten in den Gebäuden lebten. So viele Häuser, so viele Geschichten. Beispielsweise von jenem kleinen Fachbau genau gegenüber der Schule an der Kreuzung Kaiserstraße/Schillerstraße, in dem einst ein Schreibwarenladen zu finden war. „Der Laden war bei den Kindern nur als ,Papa Honig‘ bekannt, weil es dort neben Zeitungen und Schreibwaren auch Bonbons zu kaufen gab“, erinnert sich Buchholz. Später sei in dem Flachbau ein Buchladen zu finden gewesen, heute sei es ein Wohnhaus.

Auch wenn Uwe Buchholz viel über die Gegend weiß, entdeckt er auch immer noch neue Details. An der Dachkante der Villa an der Ecke Schillerstraße/Hoefftstraße, in der einst die Landkrankenkasse ihren Sitz hatte und heute ein Computerunternehmen untergekommen ist, findet der Uelzener eine Inschrift. „Erbaut 1881“, steht dort geschrieben. „Also ist die Villa noch älter als das Haus meiner Familie, das 1885 entstand und mit zu den ältesten Gebäuden im Stadtgebiet gehört“, erklärt Uwe Buchholz.

An der Hoeffstraße fällt ein Schild an einem der repräsentativen Gebäude auf. „Baugeschäft Fritz Röver“ lautet der Text. Buchholz weiß: „Fritz Röver hat viel zur Geschichtsaufarbeitung in der Stadt geleistet“.

Die Geschichte der Stadt wird durch die Geschichten der Häuser und ihrer Bewohner erzählt. Ein Gerüst fasst gegenwärtig das Anwesen an der Brauerstraße ein, in dem einst die von den Nationalsozialisten verfolgte Familie Plaut lebte. Nun ist es ein Seniorenheim, das gerade erweitert wird.

Eine ganz andere Geschichte erzählt das Eckhaus an der St.-Viti-Straße/Kaiserstraße, in dem die Eisenbahngesellschaft „Metronom“ ihren Sitz hat – die Geschichte von Uelzen als Eisenbahnerstadt. „2000 Beschäftigte hatte die Bahn einst in der Stadt“, erzählt Uwe Buchholz. Und in dem Eckhaus sei früher das sogenannte Reichsbahnbetriebswerk untergebracht gewesen. Die hohen Bediensteten wohnten nicht weit entfernt, in einem großen Klinkerbau an der Schillerstraße.

Durch den Hundertwasser-Bahnhof würden Besucher auch heute noch Uelzen mit der Bahn verbinden, aber nicht mehr mit einer Stadt, in der auch Bier gebraut wurde, weil die Brauerei gänzlich verschwunden sei. Dabei, so erklärt Buchholz, habe die Stadt über Jahrhunderte eine Tradition im Bierbrauen besessen. Uwe Buchholz erinnert mit anderen Uelzenern bei Stadtführungen mit szenischen Darstellungen daran. Er mimt dabei einen Vertreter der Bierdynastie Ellerndorf. „So bleibt den Menschen dieser Teil der Geschichte durch das Spiel im Bewusstsein“, sagt der Uelzener

Von Norman Reuter

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