Von Woche zu Woche

Bildung als Notfalldepot

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Norman Reuter

Am Ende des zweiten Weltkrieges waren den Menschen zwei Dinge geblieben. Die Trauer über die Gefallenen. Und der Hunger. Bei Festen, wenn der Tisch üppig gedeckt ist, stimmen die Kriegskinder und die letzten Zeitzeugen in der Familie das ewig gleiche Lied an. Sie erzählen von den schlechten Jahren, in denen die Eltern auf der Suche nach Essbarem die Felder abstoppelten.

Diese alten Kamellen, schießt es einem durch den Kopf. Einem selbst wird so etwas erspart bleiben. Es wird schon immer gutgehen.

Norman Reuter

Mit vier Zeilen in einer Neuauflage des „Zivilschutzkonzepts“ hat die Bundesregierung in dieser Woche den Menschen – nicht zum ersten Mal – mit auf den Weg gegeben: Es kann doch mal anders kommen. Und wenn auch nicht gleich ein Krieg im Land ausbricht, die Städte im Schutt liegen werden; es ist sinnvoll, Vorräte zuhause zu haben. Das mediale Gewitter, das folgte, war größer als die Zahl derer, die die Empfehlung zum Anlass nahmen, um sich tatsächlich ein Notdepot anzulegen. Sicher: Es gibt sie, die sogenannten Prepper, die sich als Vorsorge-Profis eindecken. In der Bevölkerung fragten sich viele aber auch, vor welcher Gefahr sie sich eigentlich hier rüsten sollten; der Katastrophenfall bleibt ein abstraktes Gebilde – den Meldungen über Terroranschläge und Schreckensbildern aus Italien zum Trotz. Diese Reaktion ist der Grund, warum ein Zivilschutzkonzept niedergeschrieben und immer wieder aktualisiert wird. Es ist schlicht ein Weckruf für jene – und der Autor nimmt sich hier nicht aus –, die sich sagen: Es wird schon immer gutgehen.

Es stellt sich aber die Frage, ob die öffentliche Diskussion um Hamstereinkäufe in dieser Woche die richtige war. Denn wie Kritiker bemerkten, bleibt in einer Singlewohnung nur wenig Platz für ein Notdepot. Und Vorräte sind endlich. Welche Überlebensstrategien besitzt der Mensch außerdem?

Sprachcomputer in Handys spucken zu jeder Frage die passende Antwort aus; Programme weisen einem den Weg durch die Stadt. Wer sucht sich noch den Weg nach dem Stand der Sonne? Wer weiß heute noch etwas mit dem Begriff des Stoppelns anzufangen und was aus einer Feldfrucht zubereitet werden kann oder wie Feuer auch ohne Streichhölzer entfacht wird? Bildung ist auch ein Zivilschutzkonzept, das womöglich besser hilft als Konserven, wenn es einmal nicht gutgehen sollte.

Von Norman Reuter

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