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Bewährung für den Tod eines Kindes

Was ist ein Kinderleben wert? Es ist eine Frage, die sich eigentlich schon deshalb verbietet, weil das Leben eines Kindes, eines jeden Menschen, natürlich unersetzlich und mit nichts aufzuwiegen ist.

Gerichte müssen dies dennoch immer wieder tun, wenn nämlich jemand Schuld hat am Tod eines Menschen, oder – und etwas Schlimmeres kann es nicht geben – am Tod des eigenen Kindes. Antje und Baldur B. haben sich schuldig gemacht, davon ist das Landgericht Hannover überzeugt. Die vierjährige Tochter der damals in Wieren wohnenden Eheleute haben es bei der Versorgung des zuckerkranken Kindes mit Insulin an der notwendigen Sorgfalt fehlen lassen, sie haben nicht auf Ärzte gehört; zwei Jahre lang bis zu dem Tod sind sie mit ihrem Kind nicht einmal mehr vorstellig geworden bei einem Mediziner.

Hätten sie wenigstens früher den Notarzt gerufen, etwa als Sieghild Blut spukte, hätte das Kind überlebt. Die Eltern haben es nicht getan. Mit der Schuld, die sie damit auf sich geladen haben, mit diesem schier unerträglichen Gedanken Tag für Tag leben zu müssen – das ist die eine Seite.

Die andere aber ist die Frage, wie ein Gericht in einem solchen Fall zu urteilen hat, wie die Bestrafung in einem Rechtsstaat aussehen muss. Denn dieser Fall beginnt nicht erst in den Tagen vor dem Tod des Mädchens, als es immer schwächer wurde. Es geht hier um weitaus mehr als um eine eventuelle Überforderung von Eltern in einer Extremsituation.

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Schon zwei Jahre zuvor, als Diabetes diagnostiziert wurde, musste eine Ärztin mit dem Jugendamt drohen, damit sie die Zweijährige medizinisch richtig einstellen durfte. Schon damals im Krankenhaus sprachen die Eltern davon, dass man versuchen könne, das Kind durch eine Rohkost-Therapie vom Insulin zu entwöhnen, erinnert sich die Klinikmedizinerin auch heute noch an diesen einmaligen Fall in ihrem Berufsleben. Und dass die Eltern sich weigerten, wichtige Untersuchungen durchführen zu lassen – dann verschwanden sie mit ihrer Tochter und gingen nie mehr zum Arzt.

Sieghild bezahlte diese Ignoranz ihrer Eltern mit dem Leben. Sie musste sterben, weil ihre Eltern mit ihr herumexperimentierten, dabei wäre es so einfach gewesen, sie nicht leiden zu lassen, wie ein Gutachter im Prozess sagte: „Das einzig wirksame lebenserhaltende Medikament von Diabetes existiert bereits seit 1922 – Insulin.“

Fünf weitere Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren stehen heute unter der Obhut von diesen Eltern, die jetzt verurteilt wurden und nur unter Druck des Jugendamtes diese nach dem Tod von Sieghild auch einem Arzt vorstellten. Das lässt einen schaudern und man mag sich gar nicht ausmalen, was alles möglich scheint in dieser Familie. Ganz zu schweigen davon, dass Mutter und Vater im Nazi-Milieu aufwuchsen. Und dass sie zu einem selbst ernannten Wunderheiler aus diesem Umfeld Kontakt aufnahmen nach Sieghilds Erkrankung.

Aber man muss auch noch einmal auf diesen Prozess schauen. Die vierjährige Sieghild wird natürlich durch kein noch so hartes Urteil wieder lebendig. Sie starb qualvoll, unser System hat sie nicht schützen können. Das ist eine Blamage. Und diese Gesellschaft hat ihren Tod letztlich mit acht Monaten Haft auf Bewährung gesühnt. Acht Monate für ein kleines schutzloses Menschenleben. Dafür muss man sich schämen.

Von Thomas Mitzlaff

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