Leerstände, Fluktuation, Mieten, Kaufkraft und Eigentümer – eine komplexe Gemengelage

Bauchschmerzen in Bahnhofstraße

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„Kein Aushängeschild“: Die Bahnhofstraße bereitet den Verantwortlichen im Rathaus Sorgen.

Uelzen. „Wir sagen Tschüß“, heißt es auf einem kleinen Plakat im Eingangsbereich. Einige Schritte weiter hängt ein Zettel mit der Aufschritt „Wir sehen uns in Lüneburg und Soltau“.

Und „Tschüß“: Die „Hold“-Filiale schließt Ende April in Uelzen ihre Pforten. „Zu wenig Laufkundschaft“, lautet die Begründung.

Zwei Zitate – eine Botschaft: Die Textilfiliale „Hold“ schließt Ende des Monats ihre Pforten in Uelzen. „Wir sind sehr traurig und enttäuscht, dass unser sonst an zwölf Standorten in Norddeutschland erfolgreiches Konzept der schnellen und frischen Mode hier trotz 1-a-Lage in der Bahnhofstraße nicht funktioniert hat“, sprach Inhaber Ralf Elfers gestern auf AZ-Anfrage von einer „sehr speziellen Situation in Uelzen“. Konkret: „Die Leute hier warten auf Sonderaktionen. Das ist eine Schnäppchenjäger-Stadt. Seitdem wir einen aktiven Ausverkauf mit günstigeren Angeboten betreiben, quillt der Laden über“, hat Elfers beobachtet.

Interessent gesucht: In der Bahnhofstraße stehen mehrere kleinere Laden-Objekte leer.

Was in Soltau, Walsrode, Verden oder Eckernförde passe – verfehle in Uelzen seine Wirkung. „Und dabei sind wir der klassische Nahversorger in der Kleinstadt“, bedauert der Geschäftsmann, dass sein Team die Uhlenköperstadt verlassen müsse. Nun, im Gegensatz zu anderen Immobilien, wird bei „Hold“ kein Leerstand entstehen – ein Telefonladen wird folgen. Anders sieht es nur wenige Meter weiter an der Ecke Bahnhofstraße/Achterstraße aus. Dort steht ein vor einem Jahr neu gebautes Haus leer. „Was neue Mieter angeht, herrscht derzeit tote Hose“, drückt sich Eigentümer Uwe Schöllner durchaus etwas drastisch aus. „Ich suche einen Filialisten für den unteren Bereich und biete Büroräume in der oberen Etage“, erzählt der in der Nähe von Celle beheimatete Schöllner, dem in Uelzen mehrere Immobilien gehören.

Leerstand: Für diesen Neubau in der Fußgängerzone sucht der Eigentümer seit einem Jahr Mieter.

Für 700 000 Euro habe er den Neubau erstellt – in einer Toplage. Es sei jetzt einfach nicht leicht, das Objekt zu vermieten. Ob es an der Miete liegt? Schöllner verlangt 30 bis 35 Euro pro Quadratmeter. „Das ist viel zu viel für Uelzen“, kritisiert Ralf Elfers von „Hold“. In Maklerkreisen würde diese Lage in Uelzen lediglich mit 22 bis 26 Euro angegeben. Zum Vergleich: In Lüneburg werden in ähnlicher Lage um die 60 Euro pro Quadratmeter bezahlt. Wie auch immer – Schöllners Haus ist verwaist und bietet keinen schönen Blickfang inmitten der Fußgängerzone. Dies gilt auch für den Abschnitt der Bahnhofstraße ab Ringstraße in stadtauswärtiger Richtung. Auf den ersten 150 Meter reihen sich vier Leerstände fast aneinander. Eine Situation, die Karsten Scheele-Krogull, Baudezernent bei der Stadt Uelzen, „Bauchschmerzen bereitet“. Dies sei mit Sicherheit kein Aushängeschild. Allerdings liege der Leerstand nicht höher als in anderen vergleichbaren Städten. „Doch an der Bahnhofstraße fällt das natürlich extrem auf – zumal die Fluktuation dort auch stark ist“, räumt der Mann aus dem Rathaus ein. Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft würde ein Leerstandskataster geführt. Scheele-Krogull: „Wir vermitteln an die Eigentümer auch Interessenten, stellen Kontakte her, doch als Makler dürfen wir selbstverständlich nicht fungieren.“ Wobei es ihm, Scheele-Krogull, unverständlich sei, warum der Neubau Bahnhofstraße/Achterstraße seit einem Jahr leerstehe. „Liegt es am Vermieter, der das Maximum rausholen möchte oder liegt es an einer bestimmten Nutzung?“, fragt der Baudezernent. Unabhängig davon hofft Scheele-Krogull, dass beispielsweise durch die „positiven Signale bei C&A ein anderer Zug in die Innenstadt kommt und die Kaufkraft in Uelzen gehalten wird“.

Andere Stimmen, unter anderem aus dem Einzelhandel, nehmen Verwaltung und Politik in die Pflicht und wünschen sich, dass stadtnahe Wohnungen entstehen und für Bevölkerungszuwachs gesorgt werde. Der normale Mittelstand müsse angesiedelt werden, sagen Geschäftsinhaber. Doch sei dies ein langfristiger Prozess. Auf deren Abschluss „Hold“ nicht warten wollte – und nach zweieinhalb Jahren in Uelzen „Tschüß“ sagt.

Von Andreas Becker

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