„Ich bin doch völlig unschuldig!“

AZ-Volontär wechselt die Rollen und wird im Fernsehen zum Bösewicht

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Im Schauspiel-Einsatz: AZ-Volontär Arno Bausemer (Zweiter von rechts) spielt die Hauptrolle in einer Folge von „Verdachtsfälle Spezial“. Die Sendung läuft am heutigen Montag um 15 Uhr bei RTL.

Uelzen. Wer möchte nicht einmal auf die Bretter, die die Welt bedeuten? Oder gar ins Fernsehen? Bereits zu Schulzeiten war das Theater der Altmark in Stendal und der damalige Jugendclub ein willkommener Anlaufpunkt.

Was zu Schulzeiten ein schönes Hobby war, ging dann später schlichtweg aus Zeitgründen nicht mehr. Zivildienst, Studium, Volontariat und Arbeit standen dem früher geliebten Hobby Schauspielerei mehr als zehn Jahre entgegen. Bis vor knapp einem Jahr. Da bin ich eher zufällig über eine Anzeige im Internet gestolpert: „Basketball-Spieler für Magdeburger Polizeiruf 110 gesucht“ stand da auf der Facebook-Seite einer Magdeburger Casting-Agentur. Und zack, ein paar Wochen später stand ich auf einem Frei-Court der Universität Magdeburg und zockte mit anderen Komparsen mehr als vier Stunden um das orangene Leder. Während dessen befragten die Schauspieler Claudia Michelsen und Sylvester Groth einen „von uns“, der natürlich professioneller Schauspieler gewesen ist, und als Tatverdächtiger von den beiden Kommissaren in die Mangel genommen wurde.

Gut, mit 2,02 Metern ist man ja eh schwer zu übersehen, aber in der ARD später war ich dann tatsächlich gleich mehrfach zu sehen. Mhm, dachte ich mir, gesehen werden ist ja ganz schön, aber Text wäre ja auch nicht verkehrt. Das Blut war geleckt, jetzt ging es also darum, an eine Sprechrolle zu kommen. Im Dezember fand ich auf einer Internetseite den Aufruf zu einem Casting in Berlin. Also frei genommen, hingefahren und mal etwas improvisiert. Meine Casting-Partnerin war früher mal ein „Ratiopharm-Zwilling“ und hat sogar Schauspiel studiert. Aber das Angebot an Schauspielern sei deutlich größer als die Nachfrage, und deshalb müsse sie jeden Job mitnehmen.

Dass sie aber trotz abgeschlossenen Studiums auch noch Pizza ausfahren muss, fand ich schon ziemlich krass. Wir haben dann eine Szene improvisiert, in der ich völlig ausgerastet bin, weil meine Freundin im Film beim Aufräumen die extrem wertvolle Hansa-Rostock-Stickersammlung von 1991 in den Müll geworfen hatte. Den Ärger konnte ich wohl recht glaubhaft verkörpern... denn nur wenige Wochen später kam die Anfrage für einen Dreh für RTL 2.

Die Story war natürlich ziemlich wild.

Eine junge Frau arbeitet ohne Ausbildung in einer Videothek, ihre Mutter ist Alkoholikerin, und ihre kleine Schwester steht kurz vor der Abholung durch das Jugendamt. Geld könnte ihrer Familie helfen, und da taucht auf einmal ein dubioser Mann mit einer kriminellen Geschäftsidee auf. Klar, wer das wohl sein würde... Gleich in der ersten Szene, die übrigens bei diesen Formaten nicht chronologisch gedreht werden, musste ich der Ärmsten direkt auflauern, sie massiv bedrohen und ihr Geld aus der Tasche reißen. Dabei erwachte dann der Robert de Niro in mir zum Leben, und ich war so tief in der Rolle drin, dass ich gar nicht gemerkt habe, dass ich meine Kollegin beim Wegreißen der Tasche im Gesicht getroffen hatte. Sie hat die Szene mit (echten) Tränen zu Ende gespielt, und die Regisseurin war zufrieden. Ich hab mich natürlich mehrfach entschuldigt, aber dieses 18-jährige Mädchen hat das kalt wie Hundeschnauze mal eben weggesteckt. Fand ich beeindruckend. Im Freundeskreis fand die Szene jedenfalls einige Erheiterung und die Bemerkung von einem Kumpel, dass ich von dem Image jetzt nicht mehr wegkommen würde. Ja, mein Kumpel Jörn sollte recht behalten.

Anfang August bekam ich nämlich einen Anruf, ob ich nicht einen entflohenen Sträfling spielen möchte, der sich auf der Flucht als Pfarrer ausgibt und eine religiöse ältere Frau übers Ohr haut... Klar doch, passt ja wie die Faust aufs Auge! Lustigerweise musste ich eben für diese Rolle einen Termin meiner echten Tätigkeit als ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Magdeburg absagen. Aber was soll ich sagen – ich hätte mich in dieser Rolle definitiv selbst verurteilt. Hochstapelei, Bettszene mit heißer Blondine, Flucht auf den Campingplatz in der Nähe von Köln und Verhaftung in Handschellen. Das erlebt man im wahren Leben ja auch nicht jeden Tag.

Von Arno Bausemer

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