Gutachten im Auftrag der Grünen: Wulf Hahn bezweifelt Wirtschaftlichkeitsberechnung der A 39

Autobahn 39: „Nutzen viel zu hoch berechnet“

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Entscheidend für die Aufnahme eines Autobahnprojekts in den Bundesverkehrswegeplan ist ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis. Der Berechnung für die A 39 liegen sehr optimistische Annahmen zugrunde, kritisiert der Gutachter.

Uelzen. Von Trickserei möchte Wulf Hahn nicht sprechen. Aber nur aufgrund sehr optimistischer Annahmen wurden die A 39 und die A 20 in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen, kritisiert der Chef der Marburger Agentur für Verkehrsplanung Regio Consult.

Wulf Hahn.

Rechnet er sie heraus, kommt er auf einen Kosten-Nutzen-Faktor von 0,85. Das hieße: Die Kosten wären höher als der Nutzen, die Autobahnen dürften eigentlich gar nicht gebaut werden. Das Gutachten haben die niedersächsischen Grünen in Auftrag gegeben. Am Donnerstagabend stellte Hahn die Ergebnisse im Uelzener Bahnhof vor. „Wenn man es fachlich bewertet, wäre die B 4 viel höher bewertet worden“, schließt Gutachter Hahn und schlägt einen dreispurigen Ausbau der Bundesstraße als Alternative vor. „Die Verkehrsmengen wären sehr gut abwickelbar. Und das bei Kosten von „nur“ 303 Millionen Euro. Schon bei den angenommenen Verkehrsmengen sieht Hahn Ungereimtheiten. Denn die Planer nehmen an, dass auf der A 39 täglich 30 000 Fahrzeuge unterwegs sind. Diese Zahlen werden nördlich von Lüneburg auch erreicht, bei Uelzen und weiter südlich seien es aber nur 18 000, teilweise nur 17 000 Fahrzeuge täglich. Damit liege man unter dem Schwellenwert, der einen Autobahnbau rechtfertige, nämlich 20 000 Fahrzeuge. „Der kleinste Autobahnquerschnitt hat 70 000 Fahrzeuge“, erklärt Hahn. „Die A 39 wäre also nur zu 20 Prozent ausgelastet.“

Den 36 Zuhörern mutet der Gutachter einiges zu, denn sein Büro hat die Pläne für A 39 und A 20 auch in den Details durchgerechnet. So stellt Hahn fest, dass etwa der Zeitgewinn für Geschäftsreisende etwa viermal so hoch wie üblich angesetzt wird. Oder dass die Kostensteigerung bei den Kfz-Kosten mit 0,5 Prozent pro Jahr deutlich zu niedrig kalkuliert seien.

Auch die mit 1,083 Milliarden Euro veranschlagten Baukosten für die 106 Kilometer Autobahn zwischen Lüneburg und Wolfsburg seien angesichts der Kostensteigerungen der vergangenen Jahre viel zu optimistisch angenommen. Die Planungskosten seien gar nicht berücksichtigt. Kritik gab es auch vom Bundesrechnungshof, erinnert Hahn. Der monierte, dass die Kostenuntergrenze, also die günstigste Annahme, durch das Bundesverkehrsministerium willkürlich um 15 Prozent heruntergesetzt wurde. „Das hat den Effekt, dass der Nutzen viel zu hoch berechnet ist.“

Für die Grünen ist die Autobahn nach wie vor ein wichtiges Thema. Zu dem Termin im Bahnhof sind extra Landesvorsitzender Stefan Körner und die verkehrspolitische Sprecherin Susanne Menge angereist. Anti-Autobahn-Aktivist Eckehard Niemann legt abermals den Finger in die Wunde, dass die Ökopartei die Autobahn in der rot-grünen Koalition nicht verhindern konnte: „Da habt ihr euch ablatschen lassen.“ Entsprechend emotional reagiert Susanne Menge: „Wir haben 14 Prozent in der Koalition“

Eine Klage gegen den Bundesverkehrswegeplan ist nicht möglich – außer vor dem Bundesverfassungsgericht. Annette Niemann vom Dachverband der Bürgerinitiativen will diese Möglichkeit nutzen: „Den Anwalt dazu haben wir.“

Von Gerhard Sternitzke

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