Eleonore Tatge (Polizei Lüneburg) klärt auf / Vorfall im Lüneburger Kurpark

Bei sexuellen Übergriffen: "Ausatmen und sich wehren"

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In der Silvesternacht kam es am Kölner Hauptbahnhof zu einer Vielzahl sexueller Übergriffe auf Frauen. Die Polizei bietet aufgrund der Verunsicherung Vorträge für Frauen an.

Lüneburg/Uelzen. Die Angst geht mit. Nicht nur in der Dunkelheit haben viele Frauen ein mulmiges Gefühl, wenn ihnen auf der Straße oder Parkplätzen Männer oder Gruppen von Männern entgegenkommen.

Bereits am Sonnabend soll sich ein sexueller Übergriff auf eine junge Mutter ereignet haben, die mit ihrem Sohn im Lüneburger Kurpark unterwegs war. Das meldete die Lüneburger Polizei gestern. 

Gegen 18.30 Uhr haben demnach zwei Männer südländischer Erscheinung die 23-Jährige am sogenannten Ententeich umgeschubst und das Kind während des Übergriffs festgehalten. Dann liefen sie davon. Die Polizei sucht Zeugen, die sich im Park aufgehalten haben: (0 41 31) 83 06 22 15. Die Männer sollen 30 bis 35 Jahre alt gewesen sein. Der Täter hatte einen Vollbart und trug einen blauen Kapuzenpullover.

Wie schützen sich Frauen?

Eleonore Tatge.

Auch durch die Berichte von den sexuellen Übergriffen in Köln und Hamburg ist die Verunsicherung noch gewachsen. Die Beauftragte für Kriminalprävention der Polizeiinspektion Lüneburg-Uelzen, Eleonore Tatge, bietet deshalb die Vortragsreihe „Wie schützen sich Frauen?“ an. Im Gespräch mit AZ-Redakteur Gerhard Sternitzke schildert sie erfolgversprechende Abwehrstrategien und die Gründe für Vorfälle wie zu Silvester.

Ist sexuelle Gewalt gegen Frauen, wie sie sich zu Silvester entladen hat, ein Großstadt-Phänomen?

Statistisch gehen wir davon aus, dass es keine Zunahme von Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum gibt. Was uns Frauen aber berichten, dass sie Ängste haben, wenn eine Gruppe von Menschen fremder Herkunft auf sie zukommt. Das mag auch daran liegen, dass die Frauen nicht einschätzen können, wie sich diese Fremden verhalten. Das andere ist, dass Frauen gefragt wurden, was sie vorhaben an diesem Abend, dass sie eine Einladung ausgesprochen bekommen haben. Aber die Ansprache ist noch keine Staftat.

Sind die Ängste also unberechtigt?

Sowas kann auch in Uelzen oder Lüneburg passieren, passiert noch häufiger in Städten wie Hamburg. Je besser die Täter sich in der Menge verstecken können, desto häufiger passiert es. Aber wenn ich mich vorher damit auseinandersetzte, wie ich mich in einer solchen Situation verhalte, schaffe ich es eher mich abzugrenzen, zu verteidigen.

Ein heikles Thema: Empfehlen Sie Frauen, Menschen in Umfeld nach ihrem Aussehen einzuschätzen?

Das würde ich nicht machen, weil ich leidvoll in meiner Zeit als Polizeibeamtin erfahren habe, dass die meiste Gewalt von den Partnern der Frauen ausgeübt wird. Da herrscht die größte Gefahr, dass eine Frau vergewaltigt, so geschlagen wird, dass sie ins Krankenhaus muss. Gerade bei jungen Frauen passiert viel mehr bei Privatpartys. Wenn uns eine Kultur fremd ist, der Umgang der Geschlechter miteinander fremd ist, entwickeln sich daraus diffuse Ängste. Aber dann werde ich Signale aussenden, dass ich ängstlich bin, was eher dazu führt, dass eine Belästigung entsteht, als wenn ich eine klare, selbstbewusste Haltung habe. Und das ist egal, ob mir arabische Männer begegnen oder irgendein deutscher Mann.

Sie haben von einer anderen Art des Umgangs der Geschlechter bei manchen Zuwanderern gesprochen. Gibt es da eine besondere Form von sexuellen Übergriffen?

Islamwissenschaftler sagen, dass es eine gewisse Strategie gibt, die sich entwickelt hat, als Ägypterinnen sich nicht mehr so häufig verschleiert haben, häufiger auf die Straße gegangen sind, dass es ganz bewusste Formen von sexuellen Übergriffen, ganz häufig von mehreren Männern bis zu Vergewaltigungen gegeben hat. Dass unter konservativen Männern die Vorstellung herrscht, dass gezeigt werden muss, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist. Und dieses Phänomen ist in anderen Staaten, unter anderem in Magrebstaaten aufgetaucht. Und wir haben in unserem Bereich Flüchtlinge, die mit dieser männlichen Strategie sozialisiert worden sind. Wenn wir sie gut integrieren, können wir es schaffen, dass es diese massiven Übergriffe auf Frauen nicht gibt. Ich möchte in den Seminaren sagen, dass, sofern sich eine solche Situation entwickeln könnte, dass sie in Alarmstellung gehen: Gibt es einen Hauseingang, an dem ich klingeln könnte? Gibt es Menschen, die mich hören, wenn ich um Hilfe rufe? Wohin könnte ich flüchten? Was könnte ich tun, wenn die mich ansprechen?

Was sollen ängstliche Frauen tun?

Für jede Frau kommt eine andere Strategie in Frage. Ich erkläre immer, was bei Angst im Körper passiert, dass Adrenalin freigesetzt wird. Wenn ich die Luft anhalte, dass ich nicht handlungsfähig bin. Wenn ich in dem Moment ausatme, bin ich noch handlungsfähiger als vorher. Ich kann lauter schreien, schneller rennen, fester zutreten.

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