Rund 300 Besucher bei Kundgebung zum Tag der Arbeit auf dem Uelzener Herzogenplatz

Von Atomkraft bis Mindestlohn

Mit kräftiger Stimme sang Uelzens Bürgermeister Otto Lukat das alte Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“.

Uelzen. So häufig ist es nicht, dass Bürgermeister Otto Lukat auf dem Herzogenplatz steht und singt. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, hebt er mit kräftiger Stimme an, „hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft empor“.

Kurz zuvor waren unter den rund 300 Gästen, die sich zur 1. Mai-Kundgebung in der Uelzener Innenstadt versammelt hatten, noch Liederzettel verteilt worden, immerhin, so Lukat: „Das alte Arbeiterlied ist nicht mehr in allen Köpfen drin“.

In der Tat hat sich viel geändert in der Feier des 1. Mai, der seit mehr als 120 Jahren als internationaler Tag der Arbeiterbewegung begangen wird. Gerade in Deutschland hat er eine bewegte Geschichte: Bereits in der Weimarer Republik sollte er zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden, was jedoch scheiterte und später durch die Nationalsozialisten durchgesetzt wurde, die seine ursprünglich internationale Prägung zum nationalen Gut umdeuteten. Nach dem Krieg wieder eingeführt, bekam der 1. Mai nunmehr auch eine Deutung als Tag für Frieden und Freiheit. Insofern: Mit unterschiedlichen Deutungen umzugehen, ist der Tag der Arbeit gewohnt. Was jedoch dareinst kämpferisch daherkam, ist nunmehr familientauglich. Neben einer Reihe unterschiedlicher Gewerkschaften hatten gestern auch SPD und Grüne ihre Stände aufgebaut, ebenso das Bündnis gegen Rechts, die Arbeiterwohlfahrt, der Auto Club Europa, es gab Bier, Bratwurst, Kinderspaß, wirbelnde Dreilinger Sportjongleure und Musik, beispielsweise Alt-Hippie-Revoluzzerhaftes mit Gitarre von Rod Coote . „Wir sind offen gegenüber anderen Gruppierungen“, so Jürgen Roglin als Kreisvorsitzender des DGB, „die Veranstaltung war ja auch angekündigt“.

Zur Selbstvergewisserung gab’s dennoch eine Reihe von Redebeträgen – so von Frank Heinrich und Karl-Heinz Gerum vom Uelzener Bündnis gegen Rechts, der Asylbewerberin Nirjana Ismalova, die von ihren Erfahrungen berichtete sowie der Hauptrednerin Kerstin Pätzold, die im DGB-Bezirk Niedersachsen zuständig ist für Jugendpolitik und Jugendbildung. Kämpferisch hangelte sich Pätzold sodann durch ihre Themen des Tages, die von der Atompolitik über die Pflege-Kopfpauschale, Bildungschancen der Jugendlichen, Leiharbeit, Mindestlohn und Schulsystem reichten. Ein buntes Potpourri an Themen und Problemen zeigte sie auf, jeder Satz mit klarer Aussage, wenn auch nur manche der pointierten Aussagen zu größeren Applausregungen des Publikums führten.

Fahnen schwangen an diesem Tag in lau-windiger Mailuft, eine davon trug Andrea Hinz, die Verdi-Ortsvorsitzende. „Seit meiner Ausbildung 1986/87 bin ich Gewerkschaftsmitglied“, erzählte sie fröhlich, klar also, dass sie auch am 1. Mai dabei ist. Und zwar mit Herzblut, schließlich gäbe es nach wie vor die Notwendigkeit, „ein Gegengewicht gegen die Arbeitgeber zu haben“. Um Flagge zu zeigen war auch Gertrud Büsch dabei. Seit 40 Jahren versäumt sie fast keine 1. Mai-Kundgebung, und auch damals, als es in Uelzen noch ganze Mai-Kundgebungs-Umzüge durch die Innenstadt gab, sei sie schon mitmarschiert. Die Überzeugung hält an, schließlich bräuchten die Arbeitnehmer doch „einen Ansprechpartner bei Unzufriedenheit“, man könne ja nicht jene „ansprechen, die knechten“. Überzeugt trug die 80-Jährige sodann ihr kleines, rotes SPD-Windrad davon. „Für’s Blumenbeet – aber auch aus Sympathie.“

Von Janina Fuge

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