Unter Häftlingen: Der Alltag eines Hausleiters in der Justizvollzugsanstalt Uelzen

Arbeit im Knast – viel Papierkram

Papierkram: Hausleiter Jürgen Hundrieser befasst sich jeden Tag mit unzähligen Häftlings-Akten.

Uelzen. Jürgen Hundrieser sitzt an seinem Schreibtisch. Papiere stapeln sich auf der Holzplatte, er rückt seine Lesebrille zurecht, nimmt sie dann aber doch ab. Konzentriert macht er sich einige Notizen, klickt sich an seinem Computerbildschirm durch Dokumente.

Doch die Akten, die er bearbeitet, sind keine Bauanträge oder Kindergeldbescheide – nahezu jeder Zettel steht für einen Häftling. Jürgen Hundrieser ist Angestellter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen.

Zu seinem Arbeitsplatz gelangt er nur durch mehrere Sicherheitsschleusen – ein Prozedere, dass Mitarbeiter sowie Besucher über sich ergehen lassen müssen, sobald sie die Eingangstür der JVA überschreiten. Handys sind nicht erlaubt, die Schlüssel tragen alle am Mann – abgedeckt, versteht sich. „Manche Gefangene haben ein fotografisches Gedächtnis“, erklärt Pressesprecherin Gabriele Bröcher die Vorsichtsmaßnahme. „Außerdem gilt: jede Tür wird so verlassen, wie sie vorgefunden wurde.“

Handlungsweisen, die Jürgen Hundrieser längst in Fleisch und Blut übergegangen sind: 25 Jahre lang arbeitet er im Vollzug in Uelzen – so lange, wie es die Anstalt in der Uhlenköperstadt gibt. Und diese lange Zeit, dieses Pfund an Erfahrungen, merkt man ihm an. Aufreiben würde er sich inzwischen nicht mehr an den Fällen, die auf seinem Schreibtisch landen. Das ginge auf Dauer gar nicht. Jürgen Hundrieser ist einer von sechs Hausleitern in der JVA – und damit für das Wohl von bis zu 60 Gefangenen sowie Angestellten zuständig. „Ich manage das Haus. Dazu gehört die Dienstplangestaltung aber auch das vermitteln, wenn es Probleme zwischen Gefangenen und Angestellten gibt. Das meiste ist aber tatsächlich Schreibtischarbeit“, erklärt er nüchtern. Diese „Schreibtischarbeit“ umfasst unter anderem Gnadengesuche, Anträge auf Lockerungen der Haft, Beschwerden von Gefangenen. Keine einfache Materie, mag der Laie denken. Doch Hundrieser ist Profi: „Wir nehmen hier das Urteil des Gerichtes und handeln danach. Ich kann nicht jedes Urteil anzweifeln“, sagte er.

Über vorzeitige Haftentlassungen würden die Angestellten der JVA im Übrigen nicht entscheiden. „Wir schreiben aber Stellungnahmen an die Strafvollstreckungskammer in Lüneburg.“ Und eben diese Stellungnahmen, die in mehreren Beratungsrunden eines Teams entstehen, das unter anderem aus Sozialpädagogen und Psychologen besteht, nehmen dann wieder Einfluss auf die Entscheidungen der Lüneburger Behörde.... Hundrieser und seine Kollegen pendeln demnach zwischen zwei Polen: Sie wollen das bestmögliche für den Häftling aber auch die Gesellschaft schützen. „Der Gefangene sieht sich immer anders als wir ihn“, sagt der Hausleiter und seine Stirn legt sich in Falten. Das führe zu Konflikten – und auch schriftliche Beschwerden von Häftlingen, die sich ungerecht bewertet fühlen.

Früher, so erinnert sich Hundrieser, wäre die Einstellung der Gefangenen eine andere gewesen. „Sie haben sich an den Vollzugsplan (siehe blauer Kasten) gehalten, um früher Lockerungen zu bekommen“, erklärt er. „Heute geht die Tendenz eher zum Bagatellisieren und Negieren der eigenen Tat. Sie fordern heute eher. Und, wenn sie ihre Auflagen nicht erfüllen, dann argumentieren sie noch, dass sie doch nichts getan hätten...“

Nur schwer kämen die Angestellten an die Häftlinge heran, die im Knast eigentlich ja an ihren Schwächen arbeiten sollen. Um dieses Spannungsfeld im Alltag besser handhaben zu können, wird sich konsequent gesiezt – und das auch über Jahre. „Manchmal ist der Spagat zwischen Nähe und Distanz im Vollzug nicht einfach“, bestätigt auch Gabriele Bröcher. Ein zu enges Verhältnis zwischen Angestellten und Häftlingen tue dem Knast nicht gut. Bröcher: „Die Distanz ist für die eigene Sicherheit und die Sicherheit der Kollegen wichtig.“

Von Wiebke Brütt

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