Jesiden in Uelzen gingen am Sonnabend für das Schicksal ihres Volks auf die Straße

Ein Appell an die Menschlichkeit

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Sie fordern Hilfsgüter und eine Schutzzone für ihr Volk, das von der radikalislamischen IS „abgeschlachtet“ werde: Die Jesiden im Landkreis Uelzen machten am Sonnabend auf dem Herzogenplatz auf das Schicksal dieser Menschen im Norden Iraks aufmerksam.

Uelzen. Was ihre Augen gesehen haben, vermögen sich die meisten hierzulande gar nicht vorzustellen – erst vor einer Woche ist Yüksel Saglam aus einem Flüchtlingslager für Jesiden in der Türkei an der Grenze zum Irak zurückgekehrt.

Das Gesicht der jungen Frau ist schmal und ernst, als sie auf dem Herzogenplatz in Uelzen sitzt und mit leiser Stimme erzählt, was sie dort erlebt hat: ein junges Paar zum Beispiel, mit sieben Kindern. „Der Vater konnte drei Kinder tragen und die Mutter drei Kinder“, sagt sie, „und so mussten sie entscheiden, welches Kind sie zurücklassen. . . “ Weil die Familie fliehen musste vor dem Terror des radikalen IS (Islamischer Staat).

„Menschen werden entführt, Frauen – schöne, junge Frauen – werden vergewaltigt, Männer enthauptet und Kinder einfach erschossen“, sagt Yüksel Saglam. „Für diese Grausamkeiten gibt es keine Worte. Und es wird in den Medien immer noch zu wenig darüber berichtet.“ Die junge Frau und etwa zwei Dutzend weitere Jesiden gehen am Sonnabend in Uelzen für das Schicksal ihres Volks auf die Straße. Des kleinen Volks der Jesiden, einer religiösen Minderheit bei den Kurden, deren ursprüngliche Hauptsiedlungsgebiete im nördlichen Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei liegen.

Im Landkreis Uelzen gebe es etwa 20 bis 30 jesidische Familien, sagt Sedat Gevci. Vielleicht auch mehr. Der junge Mann lebt bereits seit 17 Jahren hier, hat in Uelzen sein Abitur gemacht. Doch im Moment sorgt er sich um Verwandte und Freunde in Shingal (Sindschar). Einer Stadt im Norden Iraks, aus der in den vergangenen Wochen tausende Jesiden vor der Terrormiliz des dschihadistisch-salafistischen IS in die Berge des Dschabal Sindschar geflüchtet sind.

„Dort sitzen Frauen und Kinder ohne Essen, ohne Trinken und Medikamente, bei 40 Grad“, sagt Sedat Gevci. Und wie viele Jesiden, die derzeit bei Demonstrationen in zahlreichen deutschen Städten auf das „Ausrotten und Abschlachten“ ihres Volks aufmerksam machen, hat er vor allem zwei Forderungen: „Es müssen dringend Hilfsgüter dorthin gebracht werden, und es muss eine Schutzzone eingerichtet werden.“ Das gelte für Jesiden genauso wie für Christen, sagt Gevci. Denn auch Letztere würden vom IS verfolgt.

Auch Kiad Hamsu sieht das so. Und er betont mehrmals: „Es geht uns hier nicht um Politik oder Religion. Es geht hier nur um Menschlichkeit und darum, Mitgefühl zu zeigen. Die Menschen gehen hier auf die Straße, wenn die Steuern erhöht werden. Dann sollten sie auch auf die Straße gehen, wenn es um Menschlichkeit geht und eine Minute darüber nachdenken.“

Er selbst ist vor wenigen Tagen aus dem Irak zurückgekehrt und hat seine Frau zu sich geholt. „Die Jesiden sind ein friedliches Volk“, sagt Kiad Hamsu, „wir führen keine Kriege und wir wollen keinen Krieg. Wir wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden.“ Dennoch: Die aktuell heftig diskutierte Lieferung von deutschen Waffen an die Kurden halte er für richtig, sagt er. „Zurzeit hilft dort nur militärische Kraft.“

Von Ines Bräutigam

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