In Uelzen bangt der Syrer Hajar Kado um seine Familie im Unruhegebiet

Die Angst vor dem Anruf am Abend

Aufmerksam verfolgt Hajar Kado vor dem Fernseher im Imbiss seines Bruders die Nachrichten – doch die Informationen aus seinem Heimatland Syrien fließen nur spärlich. Fotos: Jansen

Uelzen. Seit Monaten hat Hajar Kado keine Ruhe mehr – Tag und Nacht denkt er an seine Familie und Freunde in Syrien.

Mit seiner Schwester und seinem Bruder lebt er seit zwölf Jahren in Deutschland, hatte erst sein in Damaskus begonnenes Jurastudium in Hamburg fortgesetzt und später, nachdem er nach Uelzen gezogen war, das Studium der Erziehungswissenschaften in Lüneburg abgeschlossen. „Wenn spät am Abend das Telefon klingelt“, befürchtet der 35-Jährige, „jetzt ist was passiert. “.

Als die Aufstände in Nordafrika losbrachen, veränderten sich die Telefongespräche mit dem Vater, auch mit der Mutter, die sich wie viele Frauen ihrer Generation in Sachen Politik desinteressiert zeigt. „Das ist Männersache.“ Sie sorgt sich ohne Worte. Hajar spürt ihre Unruhe.

Sein Vater hingegen schweigt aus Vorsicht, verwendet Tarnungen oder verfremdende Begriffe bei den Telefonaten. „Auch aus den Zeitungen erfahre ich nicht genug“, bedauert er. „Ausländische Journalisten werden in Syrien als Spione betrachtet“, weiß er. Nach syrischem Recht ist Spionage Hochverrat. Einheimische werden dafür mit dem Tod bestraft – Ausländer hingegen daran gehindert, das Land zu verlassen. „Nur einseitige Informationen überwinden deshalb die Grenze“, schildert Kado.

Ratlos steht er am Abend in Uelzen vor dem großen Fernsehbildschirm im Döner-Imbiss seines Bruders, auf dem sich die Nachrichten aus Syrien viertelstündlich wiederholen. Doch wenn er morgens ins Büro kommt, weiß er auf die Fragen seiner Kollegen keine Antwort. Er versucht ihnen zu erklären, dass Syrer zurückhaltende Menschen und von einer besonderen Gelassenheit seien. „Wer nicht über Politik redete, genoss gesicherte Lebensstandards.“

Auf einmal ist sein Heimatland wieder sehr nah. Nach seinem abgeschlossenen Studium blieb er in Uelzen bei seiner Lebensgefährtin, mit der er einen Sohn hat, und arbeitet beim Uelzener Betreuungsverein als gesetzlicher Betreuer. Wegen seiner vielfältigen Sprachkenntnisse unterstützt er Behörden und Gerichte als Dolmetscher.

In seiner Heimatstadt Darah sind die Unruhen nicht so heftig wie derzeit in Hama und Damaskus, beschwichtigt er die Fragen seiner Kollegen. Die Stimmung nach dem Freitagsgebet kann er sich gut vorstellen. Wenn die Menschen auf der Straße sind, ihr Wunsch zur Veränderung der Entschlossenheit weicht, sich mit Ungewissheit mischt. Nicht lange währte die Hoffnung, dass es in seinem Land ruhig bliebe, „Man schweigt über die Korruption von Personen um den Clan Al Assad.“

Doch als die Regierung die erste friedliche Kundgebung in Deraa, der viertgrößten Stadt Syriens an der Grenze zu Jordanien, mit Gewalt im Keim ersticken wollte, überschlugen sich die Ereignisse. „Sie wollten lähmende Angst erzeugen und ernteten beharrlichen Widerstand.“ Die vielen Opfer, Verletzte, und sogar Toten brachte viele bis dahin völlig unbeteiligte Bürger auf, hört Hajar von Freunden und Verwandten. Für die Oberen der verschiedenen Familienclans bedeutete dies Krieg, versucht Hajar Kado den Mechanismus der oppositionellen Kräfte zu erklären. Eine Regierung, die ihre Untertanen tötet, verliere in deren Augen ihre Legitimation. Im Stillen hofft er, seine Freunde und Verwandten lassen sich nicht durch seine Sorge von ihrem drängenden Tun abbringen. Gerne wäre er bei ihnen, überlegt, wie er in Uelzen ihre Sache unterstützen kann.

Von Angelika Jansen

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