„Ein klassischer Quickie“

Amtsgericht Uelzen: Mutmaßliche Vergewaltigung einer 76-Jährigen

sk Uelzen. Sex ja, Vergewaltigung nein – so der 62-jährige Angeklagte, der sich jetzt am Amtsgericht Uelzen wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer 14 Jahre älteren Frau einfinden musste.

Der Prozess ging an die Nerven. Insbesondere an die des Vorsitzenden Richters am Amtsgericht Rainer Thomsen. Hatte der Uelzener die heute 76-jährige Uelzenerin vergewaltigt? Und wenn ja: wann?

Die Wahrheit in dieser Sache herauszufinden, stellte sich als mühsames Unterfangen heraus: Der Angeklagte G. parlierte, nannte Namen und Orte, berichtete von Dingen, die passiert seien, er gestikulierte und er spielte an einer Stelle sogar eine Szene nach. Begründung: Der „verehrte Richter“ solle sehen, dass er nicht lüge. „Ich hasse Lügen“, betonte der Angeklagte.

Richter Thomsen musste den Angeklagten nicht nur in seiner Spielfreude bremsen: „Wer sind die Leute?“, „Was hat das jetzt mit der Sache zu tun?“ und „Kommen Sie doch mal zum Punkt!“ äußerte er zunehmend gereizt, nachdem die Geduld für die ausschweifenden Erzählungen im Laufe der Zeit immer mehr schwand.

Es kristallisierte sich folgende Sicht des Angeklagten heraus: Angeklagter und Klägerin H. kannten sich über Jahre. G. zog 2005 zufällig in das gleiche Haus wie H. Es entwickelte sich eine nachbarschaftlich-freundschaftliche und offenbar in Teilen auch freizügige Beziehung. Insbesondere, nachdem Hs. Mann 2010 erkrankte. G. unterstützte H. bei der Pflege ihres Mannes, auf gemeinsamen Autofahrten – auch in Gegenwart seiner Tochter und/oder Lebensgefährtin von G. griff H. ihm dabei mehr als einmal in den Schritt, wie G. berichtete. H. habe aber auch andersrum nichts gegen lockeren Kontakt gehabt. Dass G. ihr bei Umarmungen auch an die Brust griff, stellte G. als üblich dar.

Und eine Vergewaltigung? Nein, auf keinen Fall habe es die gegeben. Sex räumte G. allerdings ein – und zwar einen „klassischen Quickie“, „überwiegend oral“. Und an den Tag könne er sich noch gut erinnern: Anfang 2014 habe er seinen Rentenbescheid bekommen und sei runter zur seit 2013 verwitweten Nachbarin gegangen, um ihr davon zu berichten.

In der Folge kam es zu dem Verkehr, bei dem es laut Angeklagtem kein Nein der Klägerin gegeben habe. Auch bei der Schilderung des Aktes irritierte der Angeklagte wieder mit Schilderungen dessen, was er sah, als die Klägerin ihr Nachthemd lupfte oder als er seine Erfolge als Casanova darstellte, die noch größer waren, als die Zähne noch nicht fehlten. G. behielt auch die Information, dass das eigene sexuelle Leistungsvermögen in jungen Jahren deutlich höher gewesen sei, nicht für sich.

Waren die Schilderungen des Angeklagten noch kurios, wurde es bei der Klägerin, die als Zeugin aussagte, schwieriger. Vorab las der Richter aus einem psychiatrischen Gutachten vor, dass H. einerseits als klar und konzentriert beschrieb, andererseits dazu führte, dass sie unter anderem in Finanzangelegenheiten eine Betreuerin zur Seite gestellt bekam. Auch eine beginnende Demenz schloss das Gutachten nicht aus.

Hierzu passte, dass die Klägerin zwar vor Gericht weiter von einer Vergewaltigung sprach, und zwar „nach Weihnachten“ – aber welches Weihnachten das gewesen sei, wurde nicht klar.

Am Ende stand ein Freispruch. Es stand Aussage gegen Aussage, und es griff der Grundsatz „in dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten.

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