Erste Spuren auch im Bevenser Wasserwerk

Vom Acker ins Grundwasser: Studie weist Belastung mit Pestiziden nach

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Pestizid-Rückstände finden sich auch im Landkreis Uelzen im Grundwasser. Violett: Abbauprodukte aus Spritzmitteln, rot-violett: Abbauprodukte und Wirkstoffe, blau: Messbrunnen ohne Verunreinigung.

Uelzen/Landkreis. Sie tragen exotische Namen wie Bentazon, Isoproturon oder Mecoprop, und sie verhindern, dass Getreide, Rüben und Kartoffeln unter Unkraut verschwinden oder von Pilzen und Schädlingen vernichtet werden.

Die Spritzmittel werden abgebaut, versprechen Hersteller und Genehmigungsbehörden. Nun beweist eine amtlicher Bericht, dass Pflanzenschutzmittel und ihre Zerfallsprodukte im Grundwasser angekommen sind (AZ berichtete). Erste Spuren finden sich auch in den Wasserwerken im Landkreis Uelzen.

Pflanzenschutzmittel sorgen auf den Feldern dafür, dass Getreide, Rüben und Kartoffeln nicht unter Unkraut verschwinden und von Pilzen und Schädlingen vernichtet werden. Jetzt tauchen Zerfallsprodukte auch im Grundwasser im Landkreis Uelzen auf, in ersten Spuren sogar in einzelnen Wasserwerken.

„In diesem Bereich gibt es keine Pflanzenschutzmittel. Aber Abbauprodukte sind nachgewiesen worden“, berichtet Andreas Gerow, Pressesprecher von Celle-Uelzen-Netz, das die vier Wasserwerke Bevensen, Ebstorf, Niendorf II und Stadensen betreibt. 0,03 Mikrogramm Desphenyl-Chloridazon pro Liter wurden in Bad Bevensen gemessen. Dichlorbenzamid tauchte mit einer Konzentration von 0,2 Mikrogramm in einem inaktiven Brunnen in Breitenhees auf.

Diese Zerfallsprodukte, sogenannte Metabolite, gelten laut Definition nicht als gesundheitsgefährdend. Ihre Werte liegen weit unter dem gesundheitlichen Vorsorgewert von 3 Mikrogramm, wie Gerow betont. Der Geschäftsführer des Wasserversorgungszweckverbands Uelzen, Frank Peters, ist dennoch auch angesichts des „Themenberichts Pflanzenschutzmittel“ des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) besorgt. „Man muss sich fragen: Wie kann das passieren?“, fragt Peters und spricht von einem Systemfehler. „Trinkwasser hat rein zu sein. Wenn Pestizide flächendeckend im Grundwasser sind, dann sind die Mittel vielleicht nicht so schnell biologisch abbaubar oder verträglich, wie in den Zulassungsverfahren dargelegt“, schließt Peters und fordert eine Verschärfung. „Der Weg bis zu unseren Brunnen ist sehr weit, das ist eine Frage von Jahrzehnten, bis das durchschlägt. – Aber die Gefahr ist gegeben.“

Die zwei Brunnen des Wasserwerks Bevensen liegen in 70 und 90 Metern Tiefe, in Breitenhees wurde aus 60 Metern Tiefe gefördert. Bei den regelmäßigen Kontrollen wird nach 20 Stoffen gefahndet.

Die Karten des NLWKN zeigen auch im Landkreis Uelzen Verunreinigungen. Dabei handelt es sich meist um Zerfallsprodukte von Pestiziden, an einem Messpunkt im Bereich Bodenteich-Lüder auch das Fungizid Metalaxyl selbst. Mit 0,04 Milligramm liegt seine Konzentration unter dem Grenzwert von 0,1 Milligramm für Einzelstoffe. Genauere Angaben zur Lokalisierung mag die Behörde auf AZ-Anfrage nicht machen.

Dr. Luitpold Scheid, Pflanzenschutzberater der Landwirtschaftskammer in Uelzen, warnt davor, die Bauern an den Pranger zu stellen – denn schon aus Kostengründen hätten diese ein Interesse, möglichst wenig einzusetzen. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“, laute das Motto auch bei der Beratung. Die Landwirte seien zudem verpflichtet, sich alle drei Jahre fortzubilden. Alle drei Jahre werde auch die Spritze einem TÜV unterzogen. Und zusätzlich gebe es unangemeldete Kontrollen.

Wie viel Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide), Mittel gegen Pilze (Fungizide) und Insekten (Insektizide) eingesetzt werden, hängt auch vom Wetter und dem Zustand der Pflanzen ab. So kämpften die Bauern im vorigen Jahr aufgrund der feuchten Witterung mit der Chemiekeule gegen die Krautfäule bei Kartoffeln.

Scheid vermutet als Ursache für die Verunreinigungen, dass die Pestizide auf sandigen Böden schneller versickern. Bestimmte Mittel stehen schon länger im Verdacht. So etwa Chloridazon, das gegen Unkraut zwischen Zuckerrüben angewendet wird – und dessen Zerfallsprodukt nun in Spuren im Bevenser Wasserwerk auftaucht. Auf Versuchsfeldern testet die Landwirtschaftskammer Uelzen deshalb bereits Alternativen. Auch die Herbizide Metazachlor (Kartoffeln) und Metolachlor (Mais) sollen von den Äckern verschwinden. Die Zulassung für letzteren Stoff läuft in diesem Jahr aus.

Eine Möglichkeit sieht Pflanzenschutzberater Scheid nicht – aufs Spritzen ganz zu verzichten: „Dann würden die Erträge deutlich einbrechen.“

Von Gerhard Sternitzke

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