Umgehung Kirchweyhe: Bürgerinitiative erreicht nach 15 Jahren heute ihr Ziel

Achterbahn der Gefühle

+
„Grünes Licht“ an der „Blauen Lagune“: Beim Ortstermin Anfang des Jahres erläuterte Jörg Bode (vorne links) den Polit-Kollegen Jörg Hillmer, Hans-Jürgen Stöcks, Otto Lukat, Heiko Blume und Henning Otte (von links) die Pläne zur Ortumgehung.

Kirchweyhe. Ausgelöst durch einen persönlichen Schicksalsschlag hat er 15 Jahre für die Ortsumgehung Kirchweyhe gekämpft – heute, am Tag des ersten Spatenstichs für das Millionenprojekt, darf Hans-Jürgen Chlechowitz, Sprecher der Bürgerinitiative B4-Ortsumgehung Kirchweyhe, endlich aufatmen.

Im AZ-Interview lässt er die Vergangenheit Revue passieren und blickt gleichzeitig in die Zukunft des Ortes.

Herr Chlechowitz, was empfinden Sie heute – Freude, Stolz oder auch ein wenig Enttäuschung über die lange Dauer des Verfahrens?

Chlechowitz: Freude über Freude und natürlich auch Stolz. Stolz auf uns als Bürgerinitiative, denn ich bin nur der Sprecher für meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Als ich einmal gefragt wurde, wie viele Kirchweyher sich in der BI engagieren, habe ich geantwortet: ,,Zwölf im harten Kern und wenn es sein muss, sind wir 500.“ Das ganze Dorf war beispielweise zur Stelle, als wir unsere beiden 24-Stunden-Verkehrszählungen gemacht haben und die Georgskirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, als eine Podiumsdiskussion direkt vor dem Altar stattfand.

Spüren Sie Neid oder auch Wut bei dem Gedanken, dass sich heute Politiker beim Spatenstich ,,feiern“ lassen?

Im ersten Moment waren wir schon sauer, dass wir nicht über das Treffen mit Minister Jörg Bode am 28. Dezember 2011 an der ,,Blauen Lagune“ informiert worden waren. Dort wurde das verkündet, wofür wir 15 Jahre lang gekämpft haben und wir erfuhren davon erst aus der AZ. Aber was soll es – wir haben unser Ziel erreicht und freuen uns darauf, mit allen Beteiligten den ersten Spatenstich zu feiern.

Wann gab es die ersten Aktivitäten, um die Ortsumgehung Kirchweyhes auf den Weg zu bringen?

Am 28. Oktober 1997 verunglückte mein damals 11-jähriger Sohn Till auf dem Zebrastreifen mitten im Dorf – ein mit Rüben beladener Lastwagen war mit überhöhter Geschwindigkeit auf die bereits haltenden Fahrzeuge aufgefahren. Till wurde mehrere Meter unter einem Lieferwagen liegend mitgeschleift und überlebte nur dank seines Helmes und einer gehörigen Portion Glück.

Kurz danach schlug mir mein Freund Dirk Marwede vor, eine Bürgerinitiative zu gründen, die sich für den Bau einer Ortsumgehung einsetzen sollte. Das war die Geburtsstunde der BI. Schnell fanden wir zahlreiche Mitstreiter aus dem Ort, mit denen wir in den darauffolgenden Jahren verschiedenste Aktionen starteten. Im Gedenken an jeden der mehr als 20 Verkehrstoten der letzten Jahre in der Gemarkung stellten wir beispielsweise weiße Holzkreuze an den Unfallstellen auf, der Kindergarten unterstützte uns mit einem 50 Meter langen Plakat, das im Rahmen einer Aktion an der B4 präsentiert wurde, nach dem Unfalltod eines Mitbürgers auf dem Zebrastreifen im Jahr 2006 kam es zu einer großen Demonstration an der Unfallsstelle. Da stand der Verkehr für rund 20 Minuten still. Im Laufe der Jahre diskutierten und veranstalteten wir viele weitere Aktionen, um auf unser Anliegen aufmerksam zu machen. Dabei wurden wir von den verschiedensten Medien unterstützt, selbst TV-Sender begleiteten unsere Aktionen.

Hatten Sie und Ihre Mitstreiter zwischendurch Zweifel, dass sich das Projekt womöglich doch nicht realisieren lassen würde? Wollten Sie aufgeben?

Ans Aufgeben haben wir nie gedacht, aber es gab zwischendurch schon Zweifel und die Frage, ob sich das Ganze überhaupt verwirklichen lässt. Unsere Gefühle fuhren während der ganzen Jahre Achterbahn. Das lag unter anderem auch an der Politik. Es gab einige Politiker, die sich über Jahre immer wieder für uns eingesetzt haben, wieder andere haben sich trotz mehrfacher Anfragen überhaupt nicht geäußert. Das war teilweise schon recht frustrierend. Eine Sache hat uns jedoch immer wieder Mut gemacht. Das war die Unterstützung der Kirchweyher und hier insbesondere auch der betroffenen Landwirte. Die verlieren durch die Baumaßnahme natürlich Ackerfläche. Trotzdem haben wir stets ein gutes Miteinander gepflegt. Eine Tatsache, die uns immer sehr wichtig war.

Wer und was hat Ihnen über all die Jahre geholfen, um an ein Happy End zu glauben?

Es gab viele, die an uns geglaubt haben. In den Anfangsjahren war es MdL Jacques Voigtländer, der unter anderem wichtige Kontakte zu Behörden vermittelt hat und uns auch sonst mit Rat und Tat unterstützte. Ebenso war es mit MdB Dr. Peter Struck, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Ortsumgehung Kirchweyhe wieder in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde. Ganz entscheidend war aber, dass der Uelzener Stadtrat mit seinem Bürgermeister Otto Lukat dafür gesorgt hat, dass die Stadt Uelzen die Planungskosten für den Bau in Höhe von 200.000 Euro übernommen hat.

Besonders in Erinnerung sind uns die Besuche bei den Ministern Walter Hirche und Jörg Bode sowie die Diskussionsrunde mit Rainer Fabel und FDP-Generalsekretär Patrick Döring im Jahr 2011 geblieben. Natürlich hat sich auch der Kirch- und Westerweyher Ortsrat über die ganzen Jahre mit dem Thema beschäftigt. Alles kleine Bausteine, die – so denken wir – letztlich zum Erfolg geführt haben.

Enttäuscht hat uns über die ganze Zeit lediglich das Verhalten der Grünen, denn die haben sich nie zu unserem Vorhaben positioniert.

Was ändert sich für die Bürger in Kirchweyhe, wenn in gut anderthalb Jahren, die ersten Autos auf der Ortsumgehung rollen?

Wir werden etwas dafür tun, dass das Dorf, das jahrzehntelang durch die B4 getrennt war, wieder zusammenwächst. Es freut uns, dass Kirchweyhe dann als Wohnort attraktiver wird. Darüber hinaus werden wir aber auch sehen, wie sich insbesondere der Lkw-Verkehr auf der Westerweyher Straße entwickelt, denn der macht nicht nur den Anliegern zu schaffen. Vielleicht ist es auch drin, dass Kirchweyhe ab 2013 an den Stadtbusverkehr angebunden wird. Auf jeden Fall wird endlich Ruhe in den Ort einkehren – wenn es soweit ist, werden wir aber noch einmal richtig Lärm machen, denn wir wollen die Freigabe der Ortsumgehung mit einem großen Straßenfest auf der dann ehemaligen B4 feiern.

Von Andreas Becker

Kommentare