Zivilcourage am Hundertwasser-Bahnhof

29-Jähriger stürzt in Uelzen vom Bahnsteig / Garri Golubev rettet ihm das Leben

+
Garri Golubev konnte einen ins Gleis gestürzten Mann gerade noch rechtzeitig auf den Bahnsteig hieven.

Uelzen. Wäre Garri Golubevs Zug nicht verspätet eingetroffen, hätte der Mittwochabend am Uelzener Bahnhof womöglich ein tragisches Ende gefunden: Dort hat der Bleckeder einem 29-jährigen Bienenbütteler das Leben gerettet.

Es ist eine Geschichte wie aus einem Albtraum: Der Bienenbütteler war gegen 17.55 Uhr im Uelzener Hundertwasser-Bahnhof ins Gleis 103 gefallen. „Der ganze Bahnsteig war voll, aber die meisten haben gedacht, dass er wieder aufstehen würde“, schildert Golubev. Doch der Mann blieb liegen – und Garri Golubev handelte kurzentschlossen und sprang auf die Schienen, um ihm zur Hilfe zu kommen.

Es war Rettung im letzten Augenblick: Garri Golubev konnte den 29-Jährigen gerade noch rechtzeitig vor Einfahrt eines Metronom-Zuges auf den Bahnsteig hieven. „Ich wusste, dass er jeden Moment einfahren würde“, berichtet er im AZ-Gespräch. Nur anderthalb Minuten blieben dem früheren Fitnesstrainer, um den schmächtigen Mann – 70 oder 75 Kilo habe er wohl gewogen – auf den Bahnsteig zu wuchten. Dass andere in ihm jetzt einen Held sehen, ist dem jungen Mann beinahe unangenehm: „Er ist heruntergefallen, ich habe ihn raufgezogen“, beschreibt er ohne ausschweifende Worte.

Tatsächlich fiel ihm der 29-Jährige schon in der Bahnhofshalle auf, weil er betrunken zu sein schien. Dann sah er ihn auf dem Bahnsteig wieder: Der Bienenbütteler trat versehentlich ins Leere und stürzt mit dem Brustkorb auf die Schiene. Beim Aufstehen taumelte er, stürzte erneut und fiel mit dem Kopf gegen die Bahnsteigkante. Dort blieb er regungslos liegen.

Dass Golubev überhaupt zu diesem Zeitpunkt in Uelzen war, ist einem absurden Zufall geschuldet: Eigentlich hätte auf dem Weg zu einer Personalveranstaltung in Hamburg nämlich schon eine Stunde früher in einen Zug im Hundertwasser-Bahnhof steigen wollen – doch sein Zug aus Richtung Magdeburg war verspätet. „Wäre es nicht zu dieser Verzögerung gekommen, wäre es vielleicht nicht so ausgegangen“, weiß Garri Golubev heute. Auch die Polizei bestätigt, dass unklar sei, ob der Lokführer seinen Zug hätte rechtzeitig stoppen können. Bundespolizeisprecher Holger Jureczko lobt den Einsatz des Bleckeders: „Courage zeigen, Leben retten – alles richtig gemacht.“ In vergleichbaren Situationen solle man nicht zögern, auch alkoholisierte Menschen auf den Sicherheitsabstand der „weißen Linie“ hinzuweisen.

Sind Personen ins Gleis gestürzt, muss eine Bahnstrecke übrigens sofort gesperrt werden. Zeugen sollten den Notruf 110 oder die Hotline der Bundespolizei, (08 00) 6 88 80 00, wählen.

Die Weiterfahrt nach Hamburg verzögerte sich übrigens auch nach dem Vorfall. Doch die 15 Minuten Wartezeit sind Garri Golubev egal. Er ist nur froh, dem Mann aus Bienenbüttel rechtzeitig zur Hilfe gekommen zu sein.

Von Anna Petersen

Kommentare