Der spezielle Alltag im Gefängnis: Häftling klagt über Mobbing

21-Jähriger schlägt in U-Haft zu

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In der Uelzener Haftanstalt kam es unter Jugendlichen zu einer kleinen Schlägerei. Die war jetzt Thema vor dem Amtsgericht.

Uelzen. Den Vorfall von Ende April habe sie jetzt gerade nicht präsent. „Es passiert bei uns ja ständig etwas“, erklärt die Zeugin der Amtsrichterin Dr. Claudia Hagemann.

Die Frau (37) auf dem Zeugenstuhl ist die Leiterin der Abteilung „Untersuchungshaft für Jugendliche“ in der Justiz-Vollzugsanstalt Uelzen (JVA). Dort hat der junge Mann aus Afghanistan, mit dem sich das Amtsgericht in dieser Verhandlung zu befassen hat, im November vergangenen Jahres einem Mithäftling „eine gegeben“, wie der Dolmetscher übersetzt. Mit einer aufgeplatzten Lippe waren die Folgen eher gering.

Gleichwohl: Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ist bestrebt, jede angezeigte Ausschreitung in Gefängnissen vor Gericht zu bringen, auch wenn die Folgen überschaubar sind. „Schlägereien im Gefängnis können wir nicht tolerieren“, so der Vertreter der Anklage.

Dass es zum handgreiflichen Zwist kam, hat offenbar einiges mit dem sehr speziellen Soziotop Gefängnis zu tun, wie aus den Worten der Zeugin herauszuhören ist. Der 21-jährige Angeklagte ist bereits vom Amtsgericht Winsen (Luhe) wegen sexueller Nötigung zu 2,4 Jahren Haft verurteilt worden. Der Fall liegt jetzt bei der Berufungsinstanz, weshalb der Jugendliche in Uelzen in U-Haft saß. „Wahrscheinlich auch wegen des Delikts ist der Angeklagte von der Gruppe gemieden und zum Teil auch gemobbt worden“, sagt die JVA-Abteilungsleiterin. Zudem dürfte auch der Status als Flüchtling aus Afghanistan eine Rolle gespielt haben. „Er war zurückhaltend. Zu Beginn hat es sehr viele Schwierigkeiten mit ihm gegeben“, so die Justiz-Bedienstete. In Uelzen sind die Jugendlichen in der U-Haft in einem Trakt in einer Wohngruppe untergebracht.

Verstärkt gemobbt und getriezt worden sei er im Herbst 2015 von einem deutschen Mithäftling. Ständig sei er beleidigt worden, auch seine Familie. Er habe sich an JVA-Personal und -Leitung gewandt. Die hätten ihm nur gesagt, das sei Gefängnisalltag. Man müsse sich in der Haft um sich selbst kümmern.

Der Schlag gegen den Deutschen sei so etwas wie ein Ventil gewesen, er habe nicht mehr anders gekonnt, gibt er an. Dann habe er sich bei einem Bediensteten selbst angezeigt. All das bestätigt die Abteilungsleiterin. Dass er bei Personal oder Gefängnisleitung wegen der Beleidigungen vorstellig geworden sei, davon ist ihr allerdings nichts bekannt.

Am Ende stellt Richterin Hagemann das Verfahren mit einer Ermahnung nach einer Vorschrift des Jugendgerichtsgesetzes doch ein. „Es ist nicht leicht in der U-Haft. Verhalten sie sich ruhig, sonst sehen wir uns hier wieder.“

Von Jens Schopp

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