SOS

Ein goldner Ring am rechten Ringfinger ist klar: Der Ring ist Symbol, ist Stellvertretung für etwas, was über die Funktion des Edelmetalls hinausgeht. Der Mensch ist verheiratet. Früher war es mal das Zeichen für Eroberungswütige, das Erobern zu lassen bzw. es sein zu lassen, sich erobern zu lassen.

Kompliziert ist die Welt, weil solche Symbole, die wir Menschen verabreden, nicht für alle Menschen gelten. So galt der Ring am Finger in Teilen der chinesischen Mingh-Dynastie umgekehrt: Man trug (als Mann) den Ring solange, bis Mann seine Frau des Lebens gefunden hatte.

Symbole können auch nur für Einzelne gelten, für Paare, Familien, Vereine, Nationen. Dort müssen sie abgesprochen sein, um verstanden zu werden. Verwandt mit Symbolen sind Zeichen, Verkehrszeichen zum Beispiel oder SOS-Signale.

Mit dem SOS-Signal flog ich rein und zwar gar nicht weit weg. Die Erinnerung an heute: Herbstferientage bei Hofers im Sonneck, 1287 Meter über dem Meer im Wildkogel bei Neukirchen bei Kitzbühel bei den Krimml‘schen Wasserfällen bei... ist ja egal.

In diese sympathische Gastwirtsfamilie empfahl uns Frau Sieg aus dem Hamburgischen, alterfahren mit den Bedürfnissen ihres früheren Chefs. Einsamkeit, aber Komfort, Gottes Schöpfung, aber teuflisch gute Obstler.

Auf dem Weg aus dem Ort im Tal nach oben winkt eine alte Dame heftig, während sie mit ihrem Kleinen unseren Großen nach mehreren Lichtsignalen überholt: „Sie verlieren Benzin!“ Im Rückspiegel sehe ich das Benzin-Bächlein, fast so breit wie die Schwienau an engen Stellen.

Stopp am Straßenrand und das Glück im Unglück nähert sich mit einem ahnungslosen Polizeiwagen hinter uns. Ahnungslos deshalb, weil der den Bach auf der Straße nicht sieht und auch nicht, wie ich auf die Straße stürze und SOS winke wie beim Segeln gelernt: Arme hochreißen und mehrfach über dem Kopf winkend kreuzen.

Erst in einiger Entfernung hält der Polizeiwagen, kehrt zurück, sieht die Bescherung.

„Ja wissen‘s – hier in der Nähe winken die Touristen sich so oft begeistert zu, wegen der Bergschönheiten, des Wasserfalls, des freien Parkplatzes – bei soviel Winken achten wir nicht mehr darauf…“

Dann ruft die Polizei einen Engel mit einem Kfz-Meisterbrief aus dem nächsten Dorf. Einen Erzengel, weil er gleichzeitig Feuerwehrmann ist. Er kommt mit Abbindemittel für 150 Meter Straße (halber Benzintank) und seinem Abschleppwagen fürs kranke Auto.

Wenn der Mensch Glück hat, kommt auf SOS ein Nothelfer. Hat er unverschämtes Glück, kommen in derart begeisternden Gegenden, in denen zu viel gewunken wird, gleich mehrere Engel. Der Erzengel heißt – ehrlich! – „Nothdurfter“. In deren Nähe darf man Not haben.

Die Moral von der Geschicht: Verlass dich nicht auf die SOS-Signale, die du gibst. Woanders werden sie anders verstanden.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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