Tim-Christoph Tröger aus Növenthien forscht in britischen Archiven – ein Erlebnisbericht

So riecht Geschichte...

+

Növenthien/Oxford. Nach Groß Britannien ging es für Tim-Christoph Tröger aus Növenthin – allerdings nicht aus Spaß, sondern der Wissenschaft zuliebe.

Tim-Christoph Tröger

Für Forschungen reist der Doktorand der Universität Göttingen für drei Monate auf die Insel – finanziert werden seine Untersuchungen über Shakespeare und seinen Einfluss auf unser heutiges Theater über ein Stipendium. Rund vier Wochen lebt, lernt und arbeitet der 26-Jährige nun in Groß Britannien. In der AZ berichtet er von seinen ersten Abenteuern mit Land und Leuten – organisieren konnte er vor seiner Abreise nur wenig, immerhin hat er nur wenige Tage vor seinem Abflug den positiven Stipendiumsbescheid bekommen.

Seit dem 1. Februar befinde ich mich in England, um mithilfe eines Forschungsstipendiums für mein Dissertationsprojekt „Playgoing in Early Modern London after Shakespeare (1616-1642)“ zu forschen. Untergekommen bin ich in einem Wohnheim, das speziell für ausländische Forscher errichtet wurde und somit eine exzellente Betreuung der internationalen Gäste sicherstellt. Die Eingewöhnung hier in Oxford war im Allgemeinen sehr angenehm, da der britische Universitätsalltag weit weniger streng ist, als man dies von deutschen Universitäten gewohnt ist. Mit den meisten Professoren spricht man sich zum Beispiel gleich mit Vornamen an und bisher hatten auch alle Kollegen großes Interesse an mir und meinen Forschungen zum frühneuzeitlichen Theater nach Shakespeare.

In Kürze werde ich mich an die Universitäten Oxford und Cambridge begeben, um dort meine Forschungen fortzuführen. Momentan erforsche ich in verschiedenen Einrichtungen in London Handschriften aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die einen Bezug zum frühneuzeitlichen Theater aufweisen. Eine Vielzahl dieser Manuskripte befindet sich in der British Library, einer der größten und bedeutendsten Bibliotheken der Welt.

Schon früh am Morgen stehen hier Forscherinnen und Forscher aus aller Welt Schlange und warten auf Einlass. Der Zutritt in den prestigeträchtigen Handschriftenlesesaal bleibt den meisten Nutzern jedoch verwehrt, da nur ausgewählte Personen Zugang zu diesen sensiblen Dokumenten erhalten. Die Auswertung der zeitgenössischen Briefe, Tagebucheinträge und persönlichen Notizen, die ich für meine Dissertation benötige, findet dann unter relativ strenger Beobachtung statt. Eine besondere Schwierigkeit stellt bei meinen Forschungen die schwere Lesbarkeit mancher Manuskripte dar, da viele Textstellen oftmals verblichen, beschädigt oder einfach nur unleserlich geschrieben sind. Nichtsdestotrotz ist es schon ein besonderes Gefühl, fast 400 Jahre alte persönliche Notizen von Personen verschiedenen Hintergrundes auf sich wirken zu lassen, dabei den Geruch dieser Aufzeichnungen einzuatmen und sich zu fragen, ob sich die jeweiligen Autoren damals haben träumen lassen, welche Bedeutung ihre Notizen für zukünftige Literatur- und Theaterwissenschaftler haben würden. Für mich und meine Dissertation, in der ich das Londoner Theaterpublikum der Jahre 1616 bis 1642 aus einem zeitgenössischen Blickwinkel untersuchen möchte, sind diese Dokumente von unschätzbarem Wert.

Nachdem die Bibliothek am späten Nachmittag schließt, sehe ich mir dann Theateraufführungen an, arbeite meine Forschungsergebnisse auf oder wandle auf William Shakespeares Spuren durch London.

Kommentare