Samtgemeinde beteiligt sich bei Förderprogramm / Arbeitskreise nehmen Kommune unter die Lupe

Aue auf dem Prüfstand

Mehrere Bäder liegen in der Samtgemeinde Aue. Sie bekommen einen Betriebskostenzuschuss. Wie sie zu halten sind, ist ein Thema. Foto: dpa

Samtgemeinde Aue. Die Karten in der Samtgemeinde Aue sind neu gemischt: Seit der Fusion der bisherigen Samtgemeinden Bodenteich und Wrestedt gelten ehemalige kommunale Grenzen nicht mehr, Verwaltung und Haushalte werden neu aufgestellt.

Obendrein muss die Samtgemeinde sparen, um die Vorgaben aus dem Zukunftsvertrag zu erfüllen.

Die Wehren in der Samtgemeinde drohen zu überaltern. Unter anderem ist im Gespräch, verstärkt junge Frauen zu ermuntern, den Rettern beizutreten. Archiv-Foto: Ph. Schulze

Seitdem versucht man in Wrestedt um SG-Bürgermeister Harald Benecke, Nutzen und Kosten von Einrichtungen in der Samtgemeinde sinnvoll zu bündeln. Unnützes oder wenig genutztes muss weichen, Potenziale von Einrichtungen an anderer Stelle gestärkt werden. Die Samtgemeinde erstellt derzeit ein „integriertes Entwicklungs- und Handlungskonzept“ (IEK) für ein Förderprogramm von Bund und Ländern. Der vierzeilige Name des Programms „Städtebauförderungsprogramm Kleinere Städte und Gemeinden – Überörtliche Zusammenarbeit und Netzwerke“ erklärt grob, was ansteht: Die Teilgemeinden sollen zusammenarbeiten und prüfen, wie und wo sie teure, doppelt arbeitende Strukturen verhindern. Das betrifft etwa Schulen, die Feuerwehr, Freibäder oder die Ärzteversorgung. Anlass für Probleme sind dabei nicht nur beispielsweise mehrere Freibäder auf kleinem Raum, die sich einander die Kundschaft streitig machen könnten (Wieren, Stadensen, Bad Bodenteich), sondern auch die Überalterung der Kundschaft: Der demografische Wandel sorgt dafür, dass weniger Schwimmer ins Freibad kommen oder auch dass die Feuerwehren Nachwuchsprobleme bekommen.

Doppelt schlecht wirkt die Überalterung bei der Ärzteversorgung: Immer weniger junge Ärzte kommen aufs Land, obwohl dort immer mehr Leute älter und gebrechlich werden. In den nächsten zehn Jahren, sagt Benecke, könnten in der Samtgemeinde fünf von sieben Allgemeinmedizinern in den Ruhestand gehen.

Zehn Arbeitskreise sind in der Samtgemeinde gegründet worden. Sie befassen sich im Grunde mit allen Themen, die es in einer Kommune überhaupt gibt: Verwaltung, Kinderbetreuung und Bildung, Seniorenversorgung, Freibäder, Nahversorgung und ÖPNV, Medizinische Versorgung, Arbeitsplätze, Tourismus, Freizeit, Sport, Feuerwehr, Kirche, Straßennetz, Belebung der Dörfer, Umgang mit Leerstand, demografische Entwicklung und Energieversorgung.

„Wir müssen uns klar machen, wo die Reise hingeht“, sagt Benecke. Mehrere Punkte lassen ihn immer wieder auf die Wichtigkeit des Handlungskonzepts IEK verweisen, und zum Teil sind sie verwoben: In Wieren schließt Edeka, Ersatz für den Nahversorger ist nicht in der Nähe, die nächsten Geschäfte sind in Wrestedt oder Bad Bodenteich. Viele älteren Bürger können diese Strecke nur schwer zurücklegen – es bräuchte einen besseren ÖPNV. Junge Menschen, die Oma oder Opa etwas mitbringen könnten, leben immer weniger im Kreis, denn sie finden wenig Arbeit – Unternehmen fehlen, oder schnelle Straßenanbindungen vom Arbeitsplatz zum Wohnort in der Aue. Die Jüngeren fehlen auch in Vereinen und Verbänden, dadurch überaltert beispielsweise die Feuerwehr. Obendrein fehlt die Kaufkraft von gut bezahlten jungen Menschen – woran wieder die örtliche Wirtschaft leidet. Die vielen kleinen Schulen der Teilgemeinden bekommen ihre Klassen nicht voll.

Derweil sterben ältere Menschen, ihre Häuser werden nicht mehr bezogen und laufen Gefahr zu Wohnruinen zu verkommen, während die Baugebiete der Samtgemeinde weiter leer bleiben. „Wir können uns zuschmeißen mit Baugebieten“, meint etwa Baubereichsleiter Alexander Kahlert. Der Mangel an jüngeren Menschen samt Industrie und Kaufkraft ist für ihn ein „Teufelskreis“. Und Benecke sagt: „Wenn wir keine qualifizierten Arbeitsplätze anbieten können, laufen uns noch viel mehr weg“.

Es ist also Zeit, zu ordnen und Kräfte zu bündeln, so heißt es in Wrestedt. Die ersten Arbeitskreise für das integrierte Entwicklungs- und Handlungskonzept haben getagt. Konkrete Ergebnisse wird es noch länger nicht geben. Aus den ersten Protokollen und Gesprächen mit der Verwaltung wird deutlich: Durchweg populäre Entscheidungen werden nicht unbedingt dabei herauskommen. So steht durchaus auch in Frage, ob alle Dorfschulen erhalten werden. Und die Frage: „Wie viele Freibäder brauchen wir eigentlich?“ steht im Raum. Fest steht für die Planer jetzt schon: Das Ehrenamt wird noch wichtiger als zuvor.

Im Gespräch sind auch Veränderungen, die zu einer sinnvolleren Nutzung von Gebäuden führen: Das Bad Bodenteicher Bürgerbüro könnte in die Burg kommen, in das bisherige Bürgerbüro ein Ärztehaus einziehen.

Erste konkrete Zwischenergebnisse der Arbeitskreissitzungen könnte es nach der Sommerpause geben. Kosten, die durch dieses Programm enstehen, können durch die Städtebauförderung zu je einem Drittel von Bund und Land übernommen werden.

Von Kai Hasse

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