Ein Kleinod der Reformation

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Die vom Blockflöten-Ensemble umrahmte Erstlesung in der Rätzlinger Kirche hielt der Schauspieler und Regisseur Thomas Ney (rechts) aus Lüneburg.

Rätzlingen - Von Jochen Frenz. Bevor Pastor Gunther Schendel vor kurzem in einer Bibliothek in Rostock das aus der Feder von Balthasar Kelpius (1542-1615) stammende und 1568 in Wittenberg gedruckte Werk unter dem Titel „Narratio sub persona Iosephi“ (Erzählung aus der Perspektive Josephs) entdeckte, war kein Werk des Verfassers bekannt. Wenn schon nicht das Werk, dann dürfte den Rätzlingern des 16. und 17.Jahrhunderts zumindest der Name des aus Walsrode gebürtigen Verfassers bekannt gewesen sein, denn der war von 1573 bis 1608 immerhin 35 Jahre lang Pastor in ihrem Ort und überdies „ein feiner Poet“, wie es heißt.

Das und viele weitere Information erfuhren die Besucher am Sonnabend von Schendel in der St.-Vitus-Kirche in Rätzlingen. Dort fand in einem eindrucksvollen Rahmen die Urlesung des 187 Verse zählenden Kurz-Epos „Narratio“ aus der Reformations- und Renaissance-Zeit statt. Dieses hat die Geschichte der Heiligen Drei Könige und ihre Begegnung mit Joseph, Maria und dem Jesuskind an der Krippe zum Thema. Inhaltlich geprägt ist „Narratio“ vor allem von der Reformation.

Der promovierte Theologe und Kirchenhistoriker, seit 2001 Pastor in Oldenstadt, hatte sich zuvor intensiv auf Spurensuche begeben nach seinem einstigen Amtskollegen und dessen Wirken, einschließlich der poetischen Ader. „Das einzige gesicherte Datum aus seinem Leben, das wir kennen, ist das seiner Immatrikulation vom 12. September 1562 in Wittenberg“, räumte Schendel ein.

Für die Rezitation des vom Münsteraner Altphilologen Jürgen Coenen aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragenen Epos oder Langgedichtes hatte er als federführender Organisator den Lüneburger Schauspieler und Regisseur Thomas Ney gewinnen können, dem gut zuzuhören war. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Blockflöten-Ensemble aus Bad Bevensen unter der Leitung von Rudolf Breimeier. Es intonierte, passend zur Entstehungszeit der Erzählung, unter anderem Stücke von Johann Walter und Heinrich Schütz.

Heute erinnert in der Rätzlinger Kirche eine erst vor kurzem wiederentdeckte und restaurierte hölzerne Grabtafel, die Balthasar Kelpius für seinen 1599 im Alter von 23 Jahren verstorbenen ersten Sohn Johannes hatte anfertigen lassen, an die vergangenen Zeiten.

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