Nistmaterial füllt Turmspitze der evangelischen Kirche / 25 Küken wachsen im Turm heran

Dohlen legen Glocke lahm

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Mirko Kandolf vom Nabu verschafft sich mit der Taschenlampe Übersicht: Meterhoch türmt sich der Reisig des Dohlennestes in der Kirchturmspitze und verklemmt die Leine der Glocke (links).

Rosche. Punkt 15 Uhr: Im Kirchturm der evangelischen Kirche Rosche fassen Rädchen ineinander, eine Mechanik setzt sich in Gang, und mit einer Zugleine müsste die Glocke jetzt ausgelöst werden.

Aber oben im Turm vergeht der Mechanik die Kraft: Es surrt, knirscht ein wenig, dann gibt die Zugleine kraftlos auf. Seit mehreren Wochen geht das schon so. Üblicherweise läutet die Glocke der Kirche die vollen und halben Stunden. Aber sie schweigt. Denn die oberen zwei Drittel der Turmspitze sind pickepackevoll mit Reisig, der die Zugleine eingeklemmt hat. Das Gestrüpp gehört zu einem Dohlennest und ruht auf einigen Stützbalken, die über dem gemauerten Sims der Kirche in der Metallspitze des Turms für Stabilität sorgen.

Nun sorgen die Balken auch für die Stabilität des Dohlennestes, das sich meterhoch türmt. Dass dieses Gebilde zustande kommt, liegt an der eigentümlichen Art des Vogels, Nester zu bauen, die Waldemar Golnik vom Nabu Uelzen erklärt: Dohlen suchen sich ein Loch, das Schutz bietet. Erstreckt sich das Loch zu weit in die Tiefe, lassen die Tiere so lange Zweige in das Loch fallen, bis sie sich verhaken, sich dann anhäufen und schließlich das Loch soweit ausfüllen, dass die Dohlen nicht zu tief in der Höhle sitzen. So können sie angenehm hinein- und wieder herauskommen und auch hinausschauen – die Tiere sind neugierig.

Und beharrlich sind sie auch, wie das Beispiel der Kirche in Rosche zeigt. Ein Raum von etwa zwei mal zwei Meter, der sich mehrere Meter nach oben erstreckt, ist voller Nistmaterial, weil die Tiere einen Schlupfwinkel weit oben in der Turmspitze gefunden haben und von dort aus Reisig hinabgeworfen haben.

So viel Mühe für ein Nest. Etwas unökonomisch, mag man meinen und die Dohle – den Vogel des Jahres 2012 – spontan für einen schrägen Vogel halten. „Nein, so verrückt sind die gar nicht“, sagt Waldemar Golnik, „die sind sehr schlau. Sie wissen Situationen zu deuten und sind auch zutraulich“. So würden Dohlen beim Hühnerfüttern auf Körner lauern oder sich selbst mit Hunden anfreunden, um ein wenig aus deren Napf zu naschen. „Dohlen leben in Gemeinschaften, sind also auch soziale Tiere, und sie haben dann einen Anführer“, erklärt der ehrenamtliche Nabu-Mitarbeiter.

Trotz Schläue und Geselligkeit ist es Dohlen bisher verschlossen geblieben, dass Menschen gern Kirchenglocken zur halben und vollen Stunde hören. Letztlich muss das bauwütige Paar also weichen und die Zugleine aus dem Griff ihres Nestes lassen. Golnik appelliert aber, die Tiere noch einige Wochen bis wenigstens Mitte Juni nisten zu lassen, dann seien die Küken vermutlich alt genug. „Die Bestände gehen derzeit dramatisch zurück“, sagt er dazu. „Pastors Tauben“ – wie die Tiere auch genannt werden, weil sie gern in Kirchtürmen nisten – sollte man nicht verscheuchen. Er rät aber dazu, Schlupflöcher wie den kleinen Anbau an der Kirchturmspitze für die Glocke künftig zu verdrahten, um die Turmspitze dohlenfrei zu halten.

Am Sims des Kirchturms nisten derzeit sieben Paare. Mit seinem ehrenamtlichen Helfer Mirko Kandolf hat Golnik bei einer Besichtigung der Kirche 25 Junge gezählt und sie beringt. Sie stören nicht, die Nester sitzen ordentlich auf dem Mauerwerk unterhalb der Metallspitze, die Küken schlafen, verdauen und piepen.

Das soll auch so bleiben. Und auch das achte Paar, hoch oben in der Turmspitze, soll noch die Zeit bekommen, die es braucht, sagt Pastor Uwe Mestmäcker auf AZ-Nachfrage. „Wir werden nicht einfach alles rausreißen“, beruhigt er und will sich an die Empfehlung des Naturschützers halten. Für die Räumung des Nestes werde sich die Kirche mit Sachverständigen zusammensetzen und dann beraten, wie und mit welchen Kosten der Reisig-Pfropf im Turm beseitigt werden kann.

Von Kai Hasse

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