Die Nackte von Dürrheim

Kurztrip in die Vergangenheit, an einen früheren Lebens- und Wohnort: Ehemaligentreffen eben… in Baden-Württemberg. Genauer: tiefstes Schwaben. Dort las ich beim Hotelfrühstück auf der Kopfseite der Tageszeitung „Die Neckarquelle“ (Südwestpresse) folgende bedrohliche Nachricht: „Nackte im Garten störte.“

Die Meldung erfüllte mich mit tiefster Dankbarkeit: für unsere Ostheide und ihren Umgang mit Nacktheit. Im Gegensatz zu – eben Schwaben. Klischee? Pauschalurteil? Der Skandalbericht: Eine Frau badet nackt in ihrem Garten – wie Eva vor der Apfelgeschichte im Paradies. Nur gab es da keine Zuschauer. In Bad Dürrheim (Ort des skandalösen Geschehens) sehr wohl. Die Frau (Betonung: 50 Jahre alt – mit Ausrufezeichen!) badete also in der Sonne und zwar umgeben von Hecken, die alle Seiten ihres Gartens dicht umschließen.

Das stellte auch die wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses herbeigerufene Polizei fest. Die war zu Hilfe gerufen, weil ein Bewohner eines Wohnhochhauses von seinem Balkon Einsicht in jenen irdischen Garten Eden hatte und sich durch die schwäbische Eva in seiner moralischen Festigkeit elementar gestört sah. So was macht mich neugierig und ich fragte einen Reporter der Zeitung, der wegen des Ehemaligen-Treffens Fotos schoss, nach Einzelheiten. Ich hatte Glück, er wusste mehr.

Der Mann und seine Frau hatten tatsächlich direkten Durchblick in den Garten der Nackten, weil das Paar im elften Stock in der Nachbarschaft lebte. Allerdings, grinste der Kollege, der Mann und die Frau hätten sich wegen versetzter Bauweise der Gebäude von ihrem Balkon weit hinauslehnen müssen, um im spitzen Winkel die nackte Schwäbin frevelhaft wirken zu sehen. Zwar schlafend, aber immer beim Umdrehen war alles völlig, ganz, also schonungslos bis in Details hinein zu sehen.

Die (schwäbischen) Beamten hätten auf ein Bußgeld verzichtet und es bei einer Mahnung belassen, ihr Verhalten, also das Sonnenbaden im eigenen, heckenumstandenen Garten zu unterlassen. Ach, frohlocke ich, kein Mensch zeigt uns in der Ostheide an, weil wir keine Hochhäuser haben und deren Bewohner schocken könnten.

Im Gegenteil: Von einem befreundeten Landwirt (Westkreis Uelzen) weiß ich sogar, dass er und seine Frau das Fernglas in den Urlaub mitnehmen, um durch dieses an einem entfernteren FKK-Strand Schönes zu genießen. Und wenn mal jemand hier jemanden nackt sehen würde – dann ist das für Heide-Polizisten normal. Und der Zeitung keine Zeile wert. Weil wir hier im Paradies leben.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

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