Nachdenken übers Sitzen

Nennen wir ihn Leonhard den Kleinen. Er ist einer unserer Rentenbeschaffer, der im Dezember letzten Jahres geboren wurde.

Er sitzt jetzt. Seit heute. Er sitzt zum ersten Mal in seinem Leben ohne Stütze und betrachtet ohne Verständnis die Erwachsenen, die um ihn knien, stehen, flach auf dem Boden liegen, um ihn zu photographieren in dieser sensationellen Körperhaltung des homo sapiens: Sitzen.

Zunächst ist es nur jenes Sitzen als orthopädisches Ergebnis, das ihm dank Muttermilch ermöglicht wurde. Diese nämlich ließ den für das Sitzen nötigen Knochen – und Gelenkaufbau und die diese zusammenhängenden Muskeln und Sehnen derart reifen, um das Knäblein ab heute sitzen lassen zu können. Noch sitzt er nicht aktiv, weil er das bewußt will. Vielmehr wird er gesessen von seinem reifenden Körperchen.

Lieber Gott, was warten alles für verschiedene Arten von Sitzen auf ihn, den ahnungslos Sitzenden: Er wird zunächst sitzen, um den Ernst des Spielens kennenzulernen. Ein Weilchen später und dann lebenslang wird es Momente geben, wo er sich sitzengelassen vorkommt. Und auch wieder viele Zeitstrecken erleben, in denen er eingeladen wird, möglichst bequem zu sitzen. Er wird den Sitzkomfort differenzieren lernen, indem er das Sitzen auf einem Gartenstuhl ohne Lehne so und mit Lehne anders empfinden wird. Das Sitzen auf Barhockern oder einer Kirchenbank wartet auf ihn. In der Schule möge ihm das Sitzenbleiben erspart werden. Das „Absitzen“ als Strafe wird er – hoffentlich kaum erleben – und die finsterste Art des Sitzens wird er hoffentlich nur vom Hörensagen kennenlernen. Dann, wenn er von seinen Großeltern zu Herrn Manicke bei Euronics in Uelzens Gewerbegebiet gefahren wird, um einen Blockbuster oder MP3 Player aussuchen zu dürfen oder bei Möbel Kranz ein Regal für eben dies Digital-Zeug. Dann wird er auch von ferne die JVA, die Justizvollzugsanstalt, kennenlernen und hören, daß in einer JVA nur gesessen wird. Man kann speziell in Uelzen lernen, dass es eben unlautere Gewerbe gibt, nach deren Ausübung man sitzen muß - in Uelzen klugerweise in einem umgebenden Gewerbegebiet, das offenbar lehrreiches Modell für die Zukunft nach dem Sitzen sein soll.

Oder Leonhard wird von seinem Vater, der Jura studiert hat, auf das Sitzen in Sitzgelegenheiten vorbereitet, die den Gegensatz zur JVA darstellen: Richtersessel, Lehrstühle. Auch werden die Leonhards dieser Welt und ihre zugehörigen Gegenteile, die Mädchen, das Be-Sitzen kennenlernen als eine Variante des Sitzens. Besitzen sie einmal viel, dann wird es heißen: Sie sitzen beruflich und familiär – fest im Sattel. An alle, die heute zum ersten Mal sitzen außer der Gratulation auch der Wunsch: Sitzt niemals ganz fest!

Hans-Helmut Decker-Voigt ist als Schriftsteller mit Übersetzungen in zwölf Sprachen tätig und arbeitet musik- und psychotherapeutisch in Forschung und Praxis. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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