Mein Alter und die Folgen

Ich bin alt geworden. Ich weiß. Es ist still geworden um mich. Ich weiß. Ich bin schließlich nicht in China, wo das Alter am meisten gewürdigt wurde und wird – auch wenn man nicht so groß ist.

Denn ich bin groß, gehöre sogar zu den Größten im ganzen Land (kreis). Ich, die Kirche St. Marien in Uelzen. Aber es nützt nichts, derart groß zu sein und die ganze Stadt – seit es sie gibt – zu überragen: Man wird vergessen. Ich habe jetzt eine ganze Menge gedruckte Werbe-Reden über Uelzen gelesen. Reden, in denen für Uelzen geworben wird. Reden für Touristen, Reden für mögliche Investoren. Reden, um Meckerer und von Uelzen Frustrierte vom Wegzug abzuhalten. Der Bürgermeister muss dauernd werbereden, die Landtagsabgeordneten und die, die es werden wollen auch. Oder der Landrat. Sie alle preisen Uelzen und alle seine Besonderheiten: Hundertwasser-Bahnhof, die Glemme-Steine…selbst meine kleinsten Filialen (Filia=lat.=Tochter),die Gertruden-Kapelle, die Hl.-Geist-Kapelle werden als Besonderheiten gerühmt und vierfarblich abgebildet. Nur ich nicht. Ich, das größte und älteste Gemäuer Uelzens. Ich werde nicht mehr erwähnt, wenn die Schönheit der Stadt gerühmt wird, die ich schütze mit meiner Größe und vor allem meiner Symbolik. Kein Schwein, Verzeihung, keinen Bürgermeister, keinen Abgeordneten oder Landrat oder Kandidaten dafür oder Firmenchef oder Werbeberater habe ich in der letzten Zeit bei Werbe-Anlässen mein Alter, meine Würde und meine unzweifelhaft vorhandene Altersschönheit erwähnen hören. Dabei bin ich – allerdings nur unter Kennern – als eine der schönsten norddeutschen Backstein-Kirchen mit traumhaft guter Akustik und konkurrenzfähig zu St. Johannis in Lüneburg und den Lübecker Giganten. Nein, ich bin nicht mal Schlusslicht in der Liste von Bahnhof, Schloss Holdenstedt, Linda u.a. Kartoffeln, Rüben und so was. Ab und an bin ich Hintergrund für den Uhlenköper – ausgerechnet für einen kleinen Gauner. Ich bin sacral, ich darf nicht neidisch sein. Aber manchmal, wenn die da unten auf den Straßen ihre Augen und Ohren dem widmen, was da zum Kauf und Verkauf ist oder den Blick wieder auf frühlingsbedingt sichtbare Frauenbeine richten – und kaum den Blick nach oben zu mir – dann summe ich in den Wind um meinen Kirchturm die Melodie aus der Operette vom Weißen Rössl am Wolfgangsee hinein: Zuschau‘n tut weh, Zuschau‘n tut weh… Na ja, ich tröste mich heimlich damit, dass sie alle da unten, auch wenn sie mich verschweigen, sich spätestens zu den Konzerten der Kantorei oder einzelner Gast-Organisten oder zu festlichen Predigten der Pastoren in mich drängen…

Hans-Helmut Decker-Voigt war von 1990 bis 2010 Mitbegründer und Gründungsdirektor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und ist seit 1997 Präsident der Herbert von Karajan-Stiftung Köln. Er ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

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