Dr. med. Petrides´ Neujahrspraxis

Ein toller Arzt, dieser griechische Arzt Dr. Petrides. Tolle Ärzte haben wir hierzulande auch. Ich besonders, aber was ich von Dr. Petrides – er studierte Allgemeinmedizin in Rostock, wurde dort approbiert und promoviert und praktiziert auf Pafos (Zypern) – lernte, war das Wunder, was er und seine Kollegen kosten. Mitten in unserer EU.

Ich war mit Dr. Petrides am Sonntag nach Neujahr verabredet: helle, kleine, feine Privatklinik, darüber Wohnung. Ich klingele und grüße mit „Kalimera“ (außerdem kann ich nur noch die Weihnachtsgeschichte und auch nur auf Altgriechisch). Er begrüßt mit „Herzlich willkommen, ich freue mich…“. Es ist kein Mensch außer uns da, trotz Notdienst – schließlich als einziger Arzt für die ehrwürdige Stadt Pafos. Ich wundere mich noch mehr, als wir nach ein bisschen Medizin-Thematik schnell auf Literatur kommen, seine und meine, und dies eine halbe Stunde lang und immer noch kein Mensch außer Christine und mir im Notdienst. Wir sehen uns wieder an einem Werktag und nachdem ich meinen Mietwagen mit seinem Jaguar kurz tauschen durfte, er mir den Neubau des Sprachinstituts für Englisch zeigte, den er frisch für eine seiner Töchter gebaut hatte, wir in sein schließlich auch stattliches Klinik- und Wohngebäude zurückkehrten und dort wieder allein waren trotz geöffneter Praxis, traute ich mich. Ich traue mich und fragte taktvoll nach der allgemeinen Existenzsicherung für Ärzte, indem ich aus Deutschland eine Statistik zitiere: 92 Patienten braucht der niedergelassene Allgemeinmediziner am Tag, um Praxiskosten, Personal und sich zu halten. Petrides lacht, zückt seinen Rezeptblock und rechnet mir vor: Er hat wie alle seine inzwischen 100 Kollegen jung und klein 1980 begonnnen. Privat- und Kassenpatienten-Unterschiede gab und gibt es nicht. Alle Patienten zahlen ihn (und alle anderen) bar, 50 Euro Einheitspreis. Zehn Patienten braucht und hat er täglich, das macht 500 Euro täglich. Notdienst gibt es nicht, alle arbeiten Montag bis Sonntag durch und haben freie Zeiten, weil zehn Patienten 5000 Euro wöchentlich und im Monat 15 000 Euro sind. Personal sei nicht nötig, Verwaltung klein, weil nur Banker und halbstaatliche Angestellte eine Krankenkasse haben. Steuern? Nicht sonderlich nennenswert. Nein, geerbt hat er nicht und seine Bücherdruckkosten zahle er auch selbst. Nein, seine Bücher bringen nur Rechnungen. Aber viel Freude an Leserreaktionen. Ja, und seinen Kollegen gehe es überall ähnlich. Und wer keine 50 Euro pro Besuch zahlen kann (Durchschnittseinkommen des Normalbürgers 1200 Euro) geht zur Konkurrenz. Das staatliche Krankenhaus, das nichts, gar nichts verlangen darf. Übrigens, grinst Dr. Petrides, sein Professor und die Kollegen aus Rostock hätten meine Frage auch schon gestellt – und den Kopf geschüttelt. Über unser Gesundheitsunwesen.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist per E-Mail erreichbar unter Prof.Dr.Decker-Voigt@ t-online.de. „Erinnerungen an heute“ finden Sie auch unter az-online.de/kolumnen.

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